KINDESMISSBRAUCH

15-Jährige wirft einem Großenhainer Kindesmissbrauch vor

Riesa/Großenhain. In dubio pro reo – im Zweifel für den Angeklagten – ist ein schwerwiegender rechtsstaatlicher Grundsatz. Aber auch einer, der der gefühlten Gerechtigkeit oft nicht Genüge tun kann. Besonders, wenn es umso aufwühlende Vorwürfe wie den sexuellen Missbrauch von Kindern geht. Auf der Anklagebank des Riesaer Amtsgerichts sitzt ein 54-jähriger Mann, der genau das getan haben soll. Zumindest behauptet dies das mutmaßliche Opfer, ein 15-jähriges Mädchen. Die Tat soll schon sechs Jahre zurückliegen, damals war das Kind gerade neun Jahre alt. Der Angeklagte, so hat es die Heranwachsende bei der Polizei zu Protokoll gegeben, sei mit ihr auf eine Baustelle gefahren, die sich irgendwo in der Nähe eines Flüsschens befand. Im Auto entblößte er seinen Penis und forderte sie auf, diesen anzufassen. Sie habe das abgelehnt, worauf er sie, ohne sie weiter zu bedrängen, nach Hause zurückbrachte. Allerdings kam die Aussage im Zusammenhang mit einer anderen möglichen Straftat zustande. Die 15-Jährige hatte einen jungen Mann beschuldigt, sie sexuell geschädigt zu haben, und dabei erinnerte sie sich an den lange zurückliegenden Vorfall.

Zunächst war die jugendliche Hauptbelastungszeugin mit teils zweifelhaften Begründungen zu mehreren Verhandlungsterminen nicht erschienen. Ihr Vater und ihre Großmutter aber sagten aus, und dabei kam das Mädchen nicht so gut weg (die SZ berichtete). Ihre Enkelin sei in den vergangenen Jahren schwierig geworden, erklärt die Oma. Weil sie ihr nicht alles durchgehen ließ, habe sich das Verhältnis rapide verschlechtert. Ähnliche Angaben macht der Vater. Seine Tochter habe sich immer weiter von ihm entfernt und es mit der Wahrheit nicht so genau genommen. Dass es in der Familie generell Schwierigkeiten gab, belegt die Tatsache, dass das Mädchen später von einer Pflegefamilie aufgenommen wurde.

Der Angeklagte wiederum streitet ab, sich dem Mädchen je mit sexuellen Absichten genähert zu haben. Er war im Jahr 2012 auf einer Straßenbaustelle vor dem Grundstück der betroffenen Familie tätig und freundete sich dort mit der Großmutter, den Eltern und auch den Kindern an. Später kam er oft zu Besuch, spielte mit den Kleinen und auch mit anderen Kindern aus dem Dorf.

Angeklagter bestreitet Vorwürfe
Natürlich sei es vorgekommen, dass er sie angefasst habe – etwa, wenn sie auf dem Trampolin herumhüpften – sagt er aus. Die Kinder seien regelrecht vernarrt in ihn gewesen und wollten auch mal gekitzelt werden. Aber die Berührungen seien ohne irgendeinen Hintergedanken erfolgt, schließlich habe er selbst drei Kinder.

In der vorigen Woche nun erschien die 15-Jährige doch zur Verhandlung. Richter Herbert Zapf bittet sie vom Zeugenstuhl nach vorn, um eine etwas vertraulichere Atmosphäre herzustellen. Dann bemüht er sich, möglichst einfühlsame Fragen zum Tathergang zu stellen. Ohne Erfolg. Das Mädchen schweigt fast eine halbe Stunde lang. Der Anwalt des Angeklagten protestiert mehrfach, weil er Suggestivfragen zu erkennen glaubt. Man kann in das Verhalten der Belastungszeugin vieles hineindeuten. Ist sie einfach zu schüchtern, um zu antworten? Ist sie durch Ereignisse vor sechs Jahren traumatisiert?

Dagegen spricht, dass sie kürzlich per Kurzmitteilung Kontakt zu dem Beschuldigten aufgenommen hat. Dem Gericht liegen Protokolle dieser Korrespondenz vor – sie wirkt sehr vertraut, bleibt immer im Rahmen des Erlaubten und enthält keine erotischen Anspielungen. Meist geht es um Familienprobleme, aus denen sich der Angeklagte aber weitgehend heraushält.

Wie also soll man das Schweigen der Zeugin deuten? Ist vielleicht doch ein schlechtes Gewissen im Spiel, weil sie der Polizei nicht die Wahrheit gesagt hat?

Möglicherweise hat die Heranwachsende aber auch ein Trauma. Deshalb räumt ihr das Gericht die Möglichkeit ein, ihre Anschuldigungen zu Papier zu bringen – die Verhandlung wird dazu kurz unterbrochen. Was die 15-Jährige dann stockend vorträgt, deckt sich mit ihrer Aussage bei der Polizei – enthält allerdings kaum Details, die die Glaubwürdigkeit des Gesagten belegen könnten.

In dieser schwierigen Konstellation muss das Gericht nun entscheiden. Der Staatsanwalt sieht die Belege für den Missbrauchsvorwurf als nicht ausreichend an. Es stehe Aussage gegen Aussage, deshalb müsse der Grundsatz „In dubio pro reo“ gelten. Allerdings habe sich der Angeklagte selbst in diese missliche Situation gebracht. Bei fremden Kindern sollte man in puncto Vertraulichkeit die Grenzen schon etwas enger ziehen. Richter Herbert Zapf schließt sich dieser Bewertung an und spricht den Großenhainer frei. „Was die Wahrheit ist, wissen wir nicht“, sagt er in der Urteilsbegründung.

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