KINDESMISSBRAUCH

Als die Schweiz flüchtige Kinderschänder ins Land liess

Einem Schweizer Ehepaar, das in Indien wegen Kindsmissbrauchs verurteilt wurde, gelang die Flucht in die Schweiz. 20 Jahre nach ihrer Verhaftung könnten grenzüberschreitende juristische Probleme den beiden helfen, erneut einer Strafe zu entgehen.  

29. Dezember 2020 – 16:00

Es war kurz vor Weihnachten im Jahr 2001, als die indische Kinderschutzaktivistin Sangeeta Punekar von einem ehemaligen Strassenjungen, der mittlerweile als Taxifahrer arbeitete, angesprochen wurde. Er erzählte ihr, dass ein ausländisches Paar verdächtig in Mumbai herumstreife und er anstössiges Material auf ihrem Laptop gesehen habe.

“Er bat uns, etwas zu unternehmen”, erzählt Punekar gegenüber swissinfo.ch. “Der Mann sagte uns auch, wo sich das Paar aufhielt, da er es einmal bei ihrem Hotel abgesetzt hatte.”

Polizei wimmelt zuerst ab

Punekar verbrachte die nächsten Tage damit, die beiden zu verfolgen. Ihr schlimmster Verdacht wurde schliesslich bestätigt: Das Paar lockte Strassenkinder in ihr schickes Hotel in einem Vorort der indischen Millionenstadt. Punekar wandte sich mit ihren Informationen an den Polizeichef, doch wurde abgewimmelt.

Schliesslich gelang es ihr, einen jüngeren Polizeibeamten davon zu überzeugen, einzugreifen, wenn man das Paar auf frischer Tat ertappen würde. Punekar hatte Glück: Eines Tages sah sie die beiden Verdächtigen, wie sie mit zwei Mädchen in ein Taxi stiegen. Sie nahm den Zug und erreichte das Hotel vor dem Paar. Dort wartete sie in der Lobby.

“Als sie das Hotel betraten, sah ich, dass die beiden Strassenmädchen ein komplettes Makeover erhalten hatten: Ihre Haare waren gebürstet, sie trugen neue Outfits und Plüschtiere in der Hand”, sagt sie. Die beiden Mädchen im Alter von neun und elf Jahren, die auf der Strasse Blumengirlanden verkauften, waren verkleidet worden, so dass das Hotelpersonal keinen Verdacht schöpfte. Als das Paar sein Zimmer betrat, rief Punekar die Strafverfolgungsbehörden an. Rund eine Stunde später stürmte die Polizei den Raum.

Angst vor dem weissen Europäer

Als die Beamten eintraten, lief im Fernsehen ein Pornofilm und im Zimmer waren Kameras fürs Filmen aufgestellt worden. Abgesehen davon, dass die beiden auf frischer Tat ertappt wurden, fand die Polizei genug Beweise, um sie zu verhaften. Das Paar stammte aus der Schweiz.

Im Gepäck hatte es Kinderkleidung, Reizwäsche und Sexspielzeuge, und auf dem Laptop stiessen die Polizisten auf Kinderpornografie von früheren Reisen nach Indien und in andere Länder. In einem verzweifelten Versuch, Beweise zu vernichten, steckte sich der Verhaftete eine Speicherkarte in den Mund und zerkaute sie.

“Bei der Verhaftung sagte er, dass er seit elf Jahren hierherkomme, dass jeder Inder korrupt sei und er wisse, wie er jeden von uns kaufen könne”, erinnert sich Punekar. Sie glaubt, dass die indische Polizei so zaghaft vorging, weil sie Angst vor “dem weissen Mann aus Europa” hatte.

Juristisches Gerangel

Zu dieser Zeit gab es in Indien kein spezielles Gesetz zur Bekämpfung von sexuellem Kindsmissbrauch. Nur Vergewaltigung – unabhängig davon, ob das Opfer nun ein Erwachsener oder ein Kind war – wurde als Verbrechen eingestuft. Das Paar (ihre Namen werden aus Datenschutzgründen nicht genannt) wurde vor ein Mumbaier Gericht gestellt.

Auch die Schweizer Polizei half mit, Beweise zu sammeln. “Wir trafen uns damals mit Beamten in Indien. Sie zeigten uns Material, das sie in der Schweizer Wohnung des Paares beschlagnahmt hatten”, sagt Punekar.

Das Paar engagierte zahlreiche Anwälte, wurde aber im März 2003 trotzdem zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Es war ein grosser Sieg für die Kinderrechte in Indien, denn zuvor waren im Land erst zwei andere Ausländer wegen sexuellen Kindsmissbrauchs verurteilt worden. Der Fall habe vielen Menschen die Augen geöffnet, besonders Polizisten und Justizbeamten, sagt Punekar. “Bis dahin glaubten Richter und leitende Polizeibeamte, dass ältere Männer und Frauen zu solchen Taten nicht fähig sind.”

Der Triumph der Staatsanwälte war jedoch nur von kurzer Dauer. Die beiden Schweizer legten Berufung ein beim Mumbai High Court und wurden kurze Zeit später aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters freigelassen, nachdem sie jedem der Opfer umgerechnet rund 3000 Franken bezahlt hatten. Sie hatten nur die Hälfte ihrer siebenjährigen Haftstrafe verbüsst.

Punekar und andere Kinderrechtsaktivisten protestierten gegen den Entscheid, der Generalstaatsanwalt des Bundesstaates wandte sich an den Obersten Gerichtshof Indiens, um die Aufhebung des Urteils zu erreichen. Dieser gewährte dem Paar eine Kaution, lehnte aber ihren Antrag ab, das Land verlassen zu dürfen. Die nach der Verhaftung beschlagnahmen Pässe wurden ihnen nicht zurückgegeben.

Doch wenige Tage später floh das Paar aus Indien.

Dokumente unter Verschluss  

“Wir wussten, dass sie fliehen würden”, sagt Punekar. Sie glaubt, dass die Schweizer auf Kaution freigelassen wurden, weil “indische Beamte nicht wollen, dass ausländische Staatsbürger im Gefängnis sterben, weil das international für Furore sorgt.”

Der Mann habe bei der Verhaftung gesagt, er besitze mehrere Pässe und wisse, wie er entkommen könne. Punekar glaubt, dass das Paar über die Grenze nach Nepal floh.

Unklar bleibt aber, wie es ihnen gelang, in die Schweiz zurückzukehren. Im Schweizer Bundesarchiv lagern neun Dokumente, in denen das Paar erwähnt wird. Darunter sind sechs Akten, die das Konsulat in Mumbai betreffen, eine, die mit der Botschaft in Neu-Delhi in Verbindung steht, und zwei, die das Schweizer Aussendepartement betreffen.

Ein Antrag von swissinfo.ch, Zugang zu den Dokumenten zu erhalten, wurde vom Aussendepartement abgelehnt – dieser Entscheid wird nun angefochten. In der Schweiz unterliegen sensible Dokumente einer Schutzfrist von 30 oder 50 Jahren, und die Regierung behält sich das Recht vor, Anträge auf Einsicht zu verweigern.

Die beiden Flüchtigen stehen immer noch auf der Red Notice-Fahndungsliste von Interpol. Das ist kein internationaler Haftbefehl, sondern eine “Aufforderung an Strafverfolgungsbehörden weltweit, eine Person zu lokalisieren und vorläufig festzunehmen bis sie ausgeliefert werden kann”.

Indien hat ein Auslieferungsabkommen mit der Schweiz, das aber nicht für Schweizer Staatsangehörige gilt. Die Schweiz hat jedoch die Möglichkeit, Personen, die in anderen Ländern verurteilt wurden, zu überstellen. Doch dafür muss unter anderem ein “rechtskräftiges und vollstreckbares Urteil” vorliegen

Der Fall des Schweizer Ehepaars ist jedoch beim Obersten Gerichtshof in Indien hängig, so dass die Bedingung der Vollstreckbarkeit in den Augen der Schweizer Behörden nicht erfüllt ist.

Ehepaar auf freiem Fuss

Aus den Dokumenten im Archiv geht auch hervor, dass die Verbrechen des Paares nach der Rückkehr in die Schweiz weitergingen. Der heute 79-jährige Mann musste sich in Frauenfeld wegen mehrfacher sexueller Handlungen mit Kindern und Kinderpornografie vor Gericht verantworten. Die Verbrechen wurden in der Schweiz begangen.

“Es ist ermutigend zu wissen, dass weiter gegen ihn vorgegangen wird. Aber zugleich ist es entmutigend, weil er mit seinen Untaten einfach weitermachen konnte”, sagt Punekar.

Artikel 5 des Schweizer Strafgesetzbuchs erkennt Straftaten an Minderjährigen im Ausland an. Es obliegt jedoch einem Schweizer Gericht zu entscheiden, “ob eine im Ausland angeordnete, aber dort nur teilweise vollzogene Massnahme fortgesetzt oder an die in der Schweiz verhängte Strafe angerechnet werden muss.”

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