Bundesgerichtsurteil – wer steckt Kopf in den Sand?

Ein junger Mann geht als Vierzehneinhalbjähriger über längere Zeit freiwillig zu einem Scharleiter des CVJM und wird von diesem jedes Mal sexuell missbraucht. Deshalb korrigiert das Bundesgericht ein Urteil des Thurgauer Obergerichtes nur insofern, als es eine Schadenersatzklage nicht um

Ein junger Mann geht als Vierzehneinhalbjähriger über längere Zeit freiwillig zu einem Scharleiter des CVJM und wird von diesem jedes Mal sexuell missbraucht. Deshalb korrigiert das Bundesgericht ein Urteil des Thurgauer Obergerichtes nur insofern, als es eine Schadenersatzklage nicht um 70 Prozent reduzieren lässt, sondern nur um 25 Prozent. Man anerkannte auf dieselbe Begründung wie die Thurgauer Richter, dass dieser junge Mann, dem gemäss Gutachten eine «durchschnittliche Intelligenz» zugebilligt wird, eine Mitschuld trägt, weil er sich dem «Missbrauch» nicht widersetzt hat («Mehr Fragen als Antworten – Warum ein sexuell missbrauchtes Kind selber schuld sein soll», NZZ 24. 5. 04).

Die schriftliche Begründung des Obergerichtes ist zwar tatsächlich eigenartig. Wenn ein Knabe mit vierzehneinhalb Jahren sich freiwillig auf sexuelle Kontakte mit einem Erwachsenen einlässt, kann von ihm sicher nicht verlangt werden, dass er «das Gefährdungspotenzial von homosexuellen Kontakten» erkennt. Aber man kann von diesem «jungen Mann» verlangen, dass er den Kontakt abbricht oder Hilfe sucht, wenn er sich dadurch belästigt fühlt. Das Bundesgericht erkannte nun erfreulicherweise endlich, dass man auch von einem Kind erwarten darf, dass es sich nicht alles gefallen lässt. Und wenn es dies doch tut, obwohl es dies nicht sollte, dann soll es dafür nicht auch noch belohnt werden zulasten des Täters. Im Klartext hiesse dies nämlich: Verführung zu erpresserischem Verhalten! Und da waren die thurgauischen Oberrichter halt für Bundesrichter doch etwas zu mutig und welterfahren.

Was mich an der Geschichte aber irritiert, ist, dass fel. in der Anmerkung dem Bundesgericht zwar Weltfremdheit vorwirft, das Urteil als solches aber als einen «fatalen Mehrheitsentscheid» wertet. fel. findet, das Bundesgericht habe «mit dem Kopf im Sand» entschieden. Ich meine, dass die Leser ruhig erfahren dürfen, ob man es nun richtig findet oder nicht, dass – zwar verbotene, aber immer wieder freiwillig eingegangene – sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Minderjährigen einem Jugendlichen den sogar richterlich abgesegneten Freipass zu erpresserischem Verhalten zugestehen. Wer immer noch der Meinung ist, ein Kind von vierzehneinhalb Jahren könne sich nicht auf irgendeine Weise gegen immer wiederkehrende seelische Pein wehren, der steckt mit seinem Kopf selber sehr tief im Sand.

Martin Joos (Murg)

Nicht im Trend, aber richtig

In Ihrem Blatt und anderswo wurde das Bundesgericht empört zurechtgewiesen, weil es die Mitschuld eines Opfers an einer Sexualstraftat bestätigte. Der Kläger hatte als Knabe jahrelang und ohne jeden Zwang sexuelle Kontakte zu einem erwachsenen Mann. Später befand er dann diese Kontakte als schädlich und forderte Schadenersatz. Das Bundesgericht argumentierte, er hätte als normal intelligenter Vierzehnjähriger diese nun behauptete Gefährlichkeit schon damals erkennen müssen. Er hätte zumindest versuchen müssen, sich dem Zugriff des Mannes zu entziehen, was im vorliegenden Fall auch sicher gelungen wäre.

Die Argumentation des Bundesgerichts liegt zwar nicht im Trend, ist aber trotzdem richtig: Vierzehnjährige Knaben können sexuell aktiv sein und sind zu einem gewissen Grad auch sexuell mündig. Das Bundesgericht hat diesen Grad auf 25% geschätzt. Ich würde daran höchstens kritisieren, dass die Schätzung vermutlich zu tief liegt. Ich kann vielleicht daran erinnern, dass vor etwa zwanzig Jahren noch ernsthaft erwogen wurde, das Schutzalter bei vierzehn Jahren festzulegen.

Andreas Bosshard (Zürich)

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ZUSAMMENFASSUNG

Datum des Artikels07-06-2004
LandSchweiz
StadtThurgau
Bewährung 
Geschlecht des Betroffenen 
Altes des Betroffenen14.5
Anzahl der Betroffenen1
Art der Tat
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