Ich liebe einen Pädophilen

Sie war vollkommen ahnungslos, als die Polizei kam. Ihr Mann hatte seine minderjährigen Schüle­r­innen missbraucht. Wegen seiner Verurteilung verlor sie Job und Freunde. Ihren Mann zu verlassen, kam ihr aber nicht in den Sinn.

Sie fühlt nichts mehr, sinkt auf einen Stuhl, der neben ihr im Schulflur steht, und starrt einige Sekunden ins Leere. Schülerinnen und Lehrer ver­­sammeln sich zu einer Traube, als Polizisten ihren Mann abführen. Es hätte ein gewöhnlicher Wiener Wintertag Ende November 2017 sein sollen. Sie denkt: «Das muss alles ein grosses Missverständnis sein!»

Sie kramt ihr Handy aus der Tasche, am anderen Ende spricht die Polizei: Sie solle aufs Präsidium kommen. Sie denkt, sie kann ihn abholen. Zwölf Stunden sitzt sie dort, ohne Essen, ohne Trinken. Beamte huschen immer wieder an ihr vorbei. Dann kommt eine Polizistin, führt sie in einen Vernehmungsraum. «Ihr Mann hat alles gestanden», fängt die Beamtin an und öffnet einen zusammengefalteten Zettel: Er gebe zu, seinen Schülerinnen über Instagram geschrieben, mit ihnen eindeutige Bilder ausgetauscht und sie nach dem Unterricht angefasst zu haben. Dann bricht ihre Welt zusammen.

Bevor sie alleine heimfährt, darf sie für drei Minuten zu ihrem Mann. Durch Gitterstäbe stehen sie getrennt voreinander, verbunden aber durch das Versprechen, das sie sich einst gaben – in guten wie in schlechten Zeiten füreinander da zu sein. Die Hände beieinander, flüstert er ihr zu: «Bitte steh das mit mir gemeinsam durch.» Sie öffnet ihre Hand – ein selbstgebasteltes Herz aus Toilettenpapier geformt.

Sie heisst sie, er heisst er, um ihre Anonymität zu wahren. Beide, sie und er, sind zum Zeitpunkt seiner Verhaftung Lehrer an einer Schule in der Nähe von Wien.

Die letzten Sonnenstrahlen dieses Tages fallen jetzt auf ihr Gesicht. Dann wird sie leiser beim Erzählen. «Man bekommt nicht das, was man ver­dient, sondern das, was man aushält», sagt sie.

Zwei Jahre später, an einem sonnigen Wintertag, sitzt sie auf einer Parkbank im Wiener Burggarten. Hier spazierte sie früher mit ihrem Mann am Wochen­ende durch den Park, vorbei am Schmetterlingshaus, wo sie gemeinsam Cappuccino tranken. Sie ist in der Mitte ihres Lebens mit 42 Jahren. Wenn sie nachdenklich wird, zieht sie die karierte Mütze tiefer ins Gesicht. Sie wirkt wie eine Frau, die sicher durchs Leben geht: ein offener Blick, der die Umge­bung scannt, das dunkelblonde Haar, das weit über ihre Schultern fällt, und der aufrechte Gang, der ihre Grösse zeigt.

Sie lernten sich im Studium kennen, besuchten gemeinsam Vorlesungen an der Universität in Wien. Nach dem Examen fingen beide an der gleichen Schule an. Sie unterrichtete Ethik, Psychologie und Philosophie, er Werken und Geografie. Für beide ist der Lehrerberuf mehr als blosses Unterrichten. Sie bezeichnet es als eine Berufung.

Die letzten Sonnenstrahlen dieses Tages fallen jetzt auf ihr Gesicht. Immer wieder spazieren Men­schen an der Bank vorbei, dann wird sie leiser beim Erzählen. «Man bekommt nicht das, was man ver­dient, sondern das, was man aushält», sagt sie. Sie könne viel tragen, dann schweigt sie, schlägt ihr rechtes Bein über das linke und legt die Hände in den Schoss. An ihrer linken Hand blitzt ein silberfarbener Ring – ihr Ehering.

Die Geschichte erzählt sie so: Er ist bei vielen Schülerinnen beliebt. Manche schwärmen für ihn. Sie schicken ihm spät in der Nacht Nachrichten. «Mona schläft heute bei Lisa», steht da zum Beispiel mit einem Bild von den beiden im Bett.

Im Schuljahr 2017, es ist Herbst, wird er übergriffig. Oft bleiben die 11- bis 12-jährigen Mädchen nach dem Unterricht noch im Klassenraum. Weil er es so will, wischen die Mädchen für ihn den Boden, stauben die Regale ab, die für die Pubertierenden so weit oben platziert sind, dass sie ihm den Blick auf ihre freien Bäuche ermöglichen.

Oder sie nehmen an «Versuchslaboren» teil, so nennt er es. Dabei steht eine Styroporplatte mit Löchern zwischen ihm und seinen Schülerinnen. Die Mädchen strecken ihre Hände durch und müssen ertasten, was sie in ihren Händen fühlen. Er schliesst in solchen Momenten nicht die Zimmertür ab. Ihre Hände berühren seine Hose, erfühlen seinen in Plastik eingepackten Penis.

Über mehrere Wochen hinweg wiederholen sich solche Szenen nach dem Unterricht. Die Mädchen tuscheln untereinander. Einige finden es komisch, dass immer nur die gleichen Schülerinnen nach dem offiziellen Schulende in dem hinteren Zimmer des Werkraums bleiben. Andere tauschen sich nach und nach aus, was ihr Lieblingslehrer mit ihnen macht.

Es ist der letzte Freitag im November 2017, als vier Elternpaare mit ihren Kindern zum Schulleiter gehen. Der sagt, er kümmere sich und kläre die Sache am Montag sofort auf. Die Eltern wollen nicht warten und zeigen den Lehrer noch am Sonntag an. Am Montag früh steht die Polizei dann im Schulflur und führt ihn ab.

Angst ist der ungebetene Gast, der einfach nicht aus ihrem Kopf verschwinden will.

Das Gericht verurteilt ihn im Juni 2018 zu einer Gefängnisstrafe von vier Jahren. Ein Gutachter attestiert eine tiefgreifende Persönlichkeits- und Sexualstörung, weil er die Mädchen nicht heimlich anfasste, sondern bei geöffneter Tür und ein Styroporteil zwischen sie aufstellte. Er empfiehlt dem Gericht, den Angeklagten nach Ablauf der Strafe auf unbestimmte Zeit zu verwahren; eine Massnahme, die in Österreich bei «geistig abnormen Rechtsbre­chern» angewandt wird. Das Gericht folgt dieser Einschätzung, der Antrag auf ein neues Gutachten, den die Anwältin des Angeklagten stellt, wird abgelehnt. Später nennt seine Verteidigerin das Urteil «einen Skandal». Der Mann war nicht vorbestraft.

Angst ist der ungebetene Gast, der einfach nicht aus ihrem Kopf verschwinden will. Angst vor den Reaktionen anderer. Angst, alles immer wieder erzählen zu müssen. Aber vor allem hat sie Angst um ihren Mann. Sie weiss nicht, was mit ihm im Gefängnis passieren wird. Am Anfang ist sie nicht in der Lage, darüber zu sprechen. «Man fühlt sich mitgefangen; man weiss nicht mehr, was man denken, sagen, machen soll», sagt sie.

Er ist die Liebe ihres Lebens, das sagt sie auch heute noch. Trennen will sie sich nicht von ihm. Sie glaubt, es sei ein Hilfeschrei gewesen. Er sei eigentlich ein unsicherer Mensch, der in seiner Kindheit nicht viel Liebe erfahren habe. Der es braucht, Anerkennung zu bekommen, und nach Aufmerksamkeit heischt.

Das Gericht urteilt, er habe eine tiefgreifende Persönlichkeits- und Sexualstörung, die therapiert werden muss. Man könne das Ausmass seiner Phantasien nicht klar erkennen. Es stuft ihn daher als gefährlich, unberechenbar ein – Rückfall nicht ausgeschlossen.

Pädophile fühlen sich sexuell zu Kindern hingezogen, die in der Regel nicht älter als elf Jahre alt sind. Trotzdem diagnostizieren Gutachter ihm eine tiefliegende Persönlichkeitsstörung. Ein Gutachter fasst zusammen, dass sich die Taten über Wochen hinweg wiederholten, es also keine einmalige Tat war.

Seine Anwältin setzt dem entgegen, ihr Mandant zeige Reue, er brauche Therapie und müsse die vier Jahre absitzen, doch eine tiefgreifende Störung habe das Gutachten nicht ergeben. Sie fordert ein neues. Der Richter sagt dann, es liege eine höhergradige geistig-seelische Abartigkeit vor, das Rückfallrisiko sei daher sehr hoch, und urteilt: vier Jahre Gefängnis mit anschliessendem Massnahmenvollzug auf unbestimmte Zeit.

Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis sie zum ersten Mal über ihre Gefühle sprechen konnten. Über Schuld und Scham.

Sie hatte nie etwas von seinen Taten mitbekommen. Nach dem Urteil wird sie vom Schulleiter auf unbestimmte Zeit freigestellt. Sie erinnere die Schülerinnen an die Taten. So verliert sie nicht nur ihren Mann, sondern auch ihr altes Leben, ihren Job und manche Freunde. Sie fühlt sich für etwas bestraft, das nicht sie getan hat.

Es dauert, bis sie sich ihren engsten Freunden und ihrer Familie anvertraut. Von der Familie ihres Mannes und ihrer eigenen erhält sie finanzielle Unterstützung, denn seit der Festnahme muss sie für die gemeinsame Wohnung und das Auto aufkommen, muss Lebensversicherungen bedienen und seine Bankkonten schliessen. Immer wieder stellt sie sich die Frage: «Willst du einen Menschen, mit dem du dein halbes Leben verbracht hast, unterstützen?» Ihre Antwort lautet: Ja.

Zweimal die Woche fährt sie für dreissig Minuten zu ihm ins Gefängnis. Durch eine Glasscheibe ge­trennt sitzen sie voreinander, jeder einen Hörer in der Hand. Sie besprechen ganz «technisch», wie sie sagt, was die nächsten Schritte sind. Neben ihr eine Liste, die sie innerhalb dieser Zeit abzuarbeiten versucht: Der Anwalt will ein neues Gutachten erstellen lassen, der Psychologe habe über das Verzeihen gesprochen. Immer hört ein Vollzugsbeamter mit, intime Gespräche wollten und konnten sie am Anfang so nicht führen. Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis sie zum ersten Mal über ihre Gefühle sprechen konnten. Über Schuld und Scham.

Im Rückblick erkennt sie immer wieder Situationen, in denen sie hätte aufhorchen sollen. Wenn er am Küchentisch sass, den Laptop aufgeklappt, und Fotos von Schülerinnen likte. Dass er die Profile seiner Schülerinnen ansah, störte sie, sie machte ihm Vorhaltungen. «Du bist so konservativ», entgegnet er ihr. Oder ob er mit ihnen auf Social-Media-Kanälen befreundet sein darf. Dann stritten sie sich, doch niemals dachte sie, dass er weitergehen würde.

Erst durch die Haft, so scheint es, ist das Paar sich wieder nähergekommen. Seit der Inhaftierung hören sie sich gegenseitig wieder zu.

Wenn sie nach den Besuchen heimfährt, fragt sie sich manchmal, wie er wieder ein normales Leben führen und mit dieser Schuld leben kann. Sie möchte dann eine Paartherapie machen und mit einer Sexualtherapeutin sprechen. Sie glaubt, dass eine Beziehung wie ihre nicht ehrlicher sein kann. «Was kann noch schlimmer sein, als einen verurteilten Sexualstraftäter als Mann zu haben?», fragt sie. Tabus gebe es in der Beziehung jetzt nicht mehr. Das sei auch eine Chance.

Das Urteil nagt trotzdem an ihr. Sie zieht sich immer mehr zurück. In die Wohnung lässt sie kaum mehr Leute. Es ist das Einzige, was ihr von ihrem gemeinsamen Leben bleibt. Eine Wohnung, die sie nach ihren eigenen Vorstellungen zusammen einrichteten.

Von Bekannten und Kollegen bekommt sie immer wieder Fragen gestellt, die mehr nach Vorwürfen klingen: Wie kannst du nur in dieser Wohnung noch leben? Wie kannst du noch bei ihm sein? Sie hasst solche Fragen. «Niemand weiss, wie es mir geht, und alle glauben zu wissen, wie sie an meiner Stelle handeln würden.»

Markus Fellinger ist Leiter der evangelischen Gefängnisseelsorge in Niederösterreich. Er sitzt in seiner Altbauwohnung im Wiener Aussenbezirk, an den Wänden Bücherregale, ein freier Blick nach draussen ins Grüne. Ein grosser Mann mit grauem Haar, ruhiger Stimme. Fellinger betreut ihren Mann, aber auch sie. «Angehörige sind mindestens so be­­troffen wie die Insassen selbst. Ich bewundere das sehr, wenn Beziehungen halten.» Es sei eine Ausnahme.

Seit Herbst 2018 unterrichtet sie wieder an einer neuen Schule, ausserhalb von Wien, in einem anderen Bundesland. Die Kollegen wissen nichts von ihrer Geschichte. Wenn jemand sie auf die Sommerferien anspricht, was sollte sie antworten, warum sie alleine unterwegs war? Im Lehrerzimmer setzt sie sich meist alleine an einen Tisch.

Dass niemand etwas weiss, ist aber auch eine neue Freiheit. Jetzt ist sie einfach die stille Kollegin und nicht die Frau eines Sexualstraftäters. Am Ende einer grossen Pause hört sie einmal, wie ein Lehrer zu einem anderen sagt: «Na, hast du gleich Unterricht in der 6c, bei den Hübschis?!» Sein ­Grinsen lässt sie zusammenzucken.

Das Verfahren geht in die nächste Etappe. Einmal im Jahr gibt es eine richterliche Anhörung mit neuen Gutachten. Dieses Mal der letzte Schritt vor dem Europäischen Gerichtshof. Ein neues Gutachten liegt vor, doch wieder urteilen die Richter auf Einweisung in den «Massnahmenvollzug» nach der Haft für «unbestimmte Zeit». Beide können es nicht fassen. Ihre Hoffnung, nach vier Jahren wieder vereint zu sein, ist mit diesem Urteil geplatzt. Das Geld reiche nicht für neue Gutachten, für weitere Recherchen, um bis zum Europäischen Gerichtshof vorzugehen, sagt sie.

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie darf sie ihn nicht mehr besuchen. Jetzt telefonieren sie, schreiben sich regelmässig Briefe. Sie schreibt von ihrem All­tag, der Arbeit in der Schule. Er antwortet dann und träumt von einer Zukunft mit ihr, wie sie über den Markusplatz in Venedig schlendern, Menschen beobachten und Cappuccino trinken.

Weiss sie einmal nicht weiter, redet sie mit ­Markus Fellinger, dem Gefängnisseelsorger. «Wissen Sie», sagte Fellinger beim letzten Mal, «diese Tat hat vermutlich Ihre Beziehung gerettet.» Erst schaute sie ihn böse an, dann verwirrt und wusste doch: Er hat recht.

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Datum des Artikels26.06.2020
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