KINDESMISSBRAUCHKIRCHENMITGLIEDERLaufendes Ermittlungsverfahren

In Irland enthüllt ein Untersuchungsbericht das Ausmass des jahrzehntelangen Missbrauchs in von der katholischen Kirche betriebenen Kinderheimen.

Tausende Kinder starben in irischen Heimen

Tausende von Kindern starben in Irland in von der katholischen Kirche betriebenen Heimen für unverheiratete Mütter. Zu diesem aufsehenerregenden Schluss kommt ein von der irischen Regierung in Auftrag gegebener Bericht, der die jahrzehntelang herrschenden katastrophalen Zustände in 18 solcher Heime untersucht hat.

Laut den Ergebnissen starben in diesen Heimen von den zwanziger bis in die neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts insgesamt rund 9000 Kinder. Das kommt einer Mortalitätsrate von 15 Prozent gleich, wobei der Anteil der Säuglinge, welche vor ihrem ersten Geburtstag starben, vereinzelt auf bis zu 75 Prozent ansteigen konnte. Ausserdem wurden Kinder ihren ledigen Müttern weggenommen und zum Teil in den USA zur Adoption freigegeben. Die jungen Frauen wurden oft gegen ihren Willen in diese Institutionen eingewiesen; die Kinder unverheirateter Frauen wurden oft misshandelt, weil sie als Schande für das Land galten. Von Heimbewohnerinnen gibt es Zeugnisse, wonach sie von den dort tätigen Ordensschwestern als «Sünder» und «Teufelsbrut» beschimpft wurden und unter traumatisierenden Umständen faktisch Zwangsarbeit verrichten mussten.

Dunkles Kapitel der irischen Geschichte

Der Bericht zeige klar, dass in Irland während Jahrzehnten eine erdrückende und brutal frauenfeindliche Kultur geherrscht habe, in der unverheiratete Mütter stigmatisiert und wo deren Kinder ihrer Zukunft beraubt worden seien, stellte Irlands amtierender Jugendminister Roderic O’Gorman nun fest. Irlands Premierminister Micheal Martin sprach am Mittwoch im Parlament eine offizielle Entschuldigung seiner Regierung aus und sprach von einem «dunklen, schwierigen und schändlichen Kapitel in der jüngeren irischen Geschichte». Ausserdem versprach er finanzielle Kompensationsleistungen für noch lebende Betroffene. Adoptierten wird zudem der Zugang zu behördlichen Daten zur Klärung ihrer Herkunft versprochen, deren Kenntnis ihnen bisher vorenthalten worden ist.

Der Anstoss zur nun publizierten Untersuchung war vor sechs Jahren die Entdeckung eines Massengrabes in dem Ort Tuam, in dem Missbrauchsopfer verscharrt worden waren. Dort wurden insgesamt 796 Skelette gefunden. Wie eine lokale Historikerin herausfand, gab es nur für eines der Kinder überhaupt eine Bestattungsurkunde, der Rest blieb anonym. Viele waren Neugeborene, das Älteste war neun Jahre alt. Manche Leichen hatte man einfach in einen Abwassertank geworfen. Todesursache waren Masern, Lungenentzündung und Tuberkulose oder einfach Unterernährung. International bekannt wurde bereits 2009 der Fall einer Mutter, die von den Vorgängen in solchen Heimen betroffen war. Philomena Lee wurde 1952 ihr Sohn nach der Geburt weggenommen. Über ihre lange Suche nach ihm schrieb sie ein Buch, das später auch verfilmt wurde. Sie habe jahrzehntelang auf diesen Augenblick gewartet, erklärte Lee nun nach der Veröffentlichung des Untersuchungsberichts.

Schwindender Einfluss der Kirche

Die Heime wurden von der katholischen Kirche Irlands betrieben, erhielten aber auch staatliche Gelder. Aus diesem Grund machen Betroffene neben der Kirche auch ausdrücklich den irischen Staat für das lange Vertuschen der unmenschlichen Zustände dort verantwortlich. Für die Kirche bedeutet der Missbrauchsskandal eine weitere Einbusse hinsichtlich ihrer Stellung in der irischen Gesellschaft; ehemals war sie dominierend. Deutliches Zeichen für den Bedeutungsschwund war in jüngster Zeit die mehrheitliche Zustimmung der irischen Stimmbürger zur Legalisierung der Abtreibung und zur Einführung der Homo-Ehe. Bei einem Besuch in Irland hatte Papst Franziskus bereits 2018 um Vergebung für die Rolle der Kirche gebeten. Der Vorsitzende der irischen Bischofskonferenz Eemon Martin bat die überlebenden Opfer jetzt ebenfalls um Verzeihung. Die Bewältigung dieses düsteren Kapitels der neueren irischen Geschichte dürfte aber damit noch längst nicht beendet sein. Die Opferorganisation Coalition for Mother and Baby Home Survivors zeigte sich enttäuscht über den Schlussbericht der Untersuchungskommission und bezeichnete ihn als unvollständig.

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