KINDESMISSBRAUCH

Kindesmissbrauch in Pakistan: „Sie haben sich halt amüsiert“

Bangkok –

Die Bande agierte seit dem Jahr 2009 und jede Familie mit Kindern in dem kleinen Dorf Ganda Singh Wala zitterte vor den Bauernsöhnen, die zu ihr gehörten. 280 Kinder im Alter von sechs bis 14 Jahren sollen in dem kleinen Ort 55 Kilometer entfernt von der Stadt Lahore in der Punjab-Provinz über mehrere Jahre vor laufender Kamera von der Gang zu sexuellen Handlungen untereinander oder mit Erwachsenen gezwungen worden sein. Saba Sadiq, Leiterin des staatlichen Kinderschutzprogramms der Provinz nahe der Grenze zu Indien sprach vom “schlimmsten Kindesmisshandlungsskandal in der Geschichte Pakistans”.

Die Polizei versuchte die Angelegenheit seit Bekanntwerden der ersten Informationen vor fast zwei Monaten zu vertuschen. “Wir sind zu dem Dorf gefahren und haben per Lautsprecher die Opfer und betroffenen Familien aufgefordert, sich zu melden”, so Polizeisprecher Shehzad Sultan, “aber niemand hat geantwortet. Außerdem handelt es sich bei den Opfern auf zuletzt beschlagnahmten Videos nicht um Kinder, sondern um Teenager. Die haben sich halt miteinander etwas amüsiert.”

Inzwischen wurden rund 400 Videos sichergestellt, die von der Bande mit Mobiltelefonen aufgenommen und auf CDs gespielt worden waren – samt künstlerischen Noten wie romantischen Liedern, Aufnahmen von sich im Wind wiegenden Getreidefeldern und zirpenden Grillen.

Verwaltung sah keinen Grund zum Eingreifen

Auch die Verwaltung der Provinzregierung sah zunächst keinen Grund zum Eingreifen. “Es handelt sich in Wirklichkeit um einen Streit über Land”, hieß die Rechtfertigung. “Der Vorwurf des Kindesmissbrauchs wird als Druckmittel eingesetzt.”

Laut amtlichen Statistiken fallen in Pakistan mit seinen 180 bis 200 Millionen Einwohnern täglich durchschnittlich sechs Kinder sexuellem Missbrauch zum Opfer. Doch das Thema wird öffentlich totgeschwiegen. In Ganda Singh Wala erstatteten nur die Eltern von Jungen Anzeige. Familien von Mädchen, die teilweise in Schuluniformen posieren mussten, fürchten den Gang an die Öffentlichkeit, weil so die Heiratschancen gemindert werden könnten.

“Sie haben uns erpresst”, schilderte eine Mutter das Leiden ihrer Familie seit dem Jahr 2011. “Wir mussten uns verschulden, um die Geldforderungen zu erfüllen.” Ein Junge, der sich weigerte, ein zweites Mal zu posieren, wurde verprügelt. Die Bande drohte, die Aufnahmen gegen einen Spottpreis im Dorf zu verkaufen, falls die Familien kein Geld zahlten.

Dorfbewohner attackierten die Polizei

Der Skandal wurde erst landesweit bekannt, nachdem vergangene Woche Dorfbewohner die Polizei unter Einsatz von Gewalt attackierten. 20 Menschen wurden verletzt. Anlass: Die Behörden hatten den Rädelsführer auf Druck eines lokalen Politikers der von Premierminister Nawaz Sharif geführten “Pakistan Muslim League” (PMLN) freigelassen – gegen Zahlung von fünf Millionen Rupien (45 000 Euro). Bislang ist unklar, ob es sich um Kaution oder Bestechung handelte.

Premierminister Sharif versprach nun eine gründliche Untersuchung in seiner Heimat-Provinz. Dort ist sein Bruder Shahbaz Chef der Regionalregierung. Der Skandal bedroht die Grundfeste der Sharif-Herrschaft. Die Familie muss sich gegen islamistische Konkurrenz sowie den von Teilen der Militärs unterstützten früheren Cricket-Star Imran Khan behaupten. Beide versuchen bereits, den Kinder-Porno-Skandal für ihre politischen Zwecke zu nutzen.

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