KINDESMISSBRAUCHKIRCHENMITGLIEDERTäter verstorben

Missbrauch in Markhausen: Schwere Vorwürfe gegen Pfarrer Georg Meyer erhoben

Markhausen /Sedelsberg Es ist dieser eine Satz, den der Mann nicht ertragen kann. Der in ihm die schlimmsten Erinnerungen seiner Kindheit hervorruft – und einen anonymen Brief an die Friesoyther NWZ-Redaktion schreiben lässt. Mit schwersten Vorwürfen gegen den 1970 verstorbenen Markhauser Pfarrer Georg Meyer.

Darum geht es

 Der Satz stammt aus einem kürzlich erschienen NWZ-Artikel vom 21. Januar mit der Überschrift „Katholische Nadelstiche gegen Nazis“. Der Artikel ist eigentlich alles andere als aufschreckend. Im Gegenteil: Er handelt vom ehemaligen Sedelsberger Kaplan Meyer und wie sich dieser als junger Geistlicher im Saterland gegen das Nazi-Regime stemmte. Das brachte ihm posthum sogar eine Straßenwidmung in Sedelsberg ein – die „Kaplan-Meyer-Straße“.

Das sei auch richtig, mutig und ehrenwert gewesen, was der Kaplan damals gemacht habe, heißt es in dem Brief des anonymen Schreibers. Doch dieser eine Satz, dass „Meyer durch besondere Methoden die Jugendlichen zu sich herübergezogen hatte“, genau das „lässt alles in mir hochkommen“.

Es folgt ein Vorwurf, der es in sich hat: Der anonyme Schreiber behauptet, dass Georg Meyer mehrmals versucht habe, ihn als Kind sexuell zu missbrauchen.

Die Vorfälle sollen sich ereignet haben, als Meyer in Markhausen Pfarrer war (1953 bis 1970). „Ich wurde ein paar Mal von ihm in die Sakristei gezogen, wo er mich an sich drückte. Mit Ekel denke ich heute noch daran, wie er versuchte, mir seine Zunge in den Mund zu stecken“, schreibt der Mann. Er selbst habe weitergehende Berührungen und Übergriffe immer abwehren können, „doch von anderen Jungs wurde mir erzählt, dass es bei den Messdienern in der Sakristei zu schweren sexuellen Übergriffen gekommen ist“.

Im Ort sei dies auch bekannt gewesen, unternommen worden sei aber nie etwas. 

Auf Spurensuche

Schwere Vorwürfe. Sollte dieser Mann, der sich so ehrenhaft gegen die Nazis auflehnte, ein Täter sein und tatsächlich Messdiener sexuell missbraucht haben? Für eine Berichterstattung reicht ein anonymes Schreiben natürlich nicht aus. Auch wenn die Zeilen glaubwürdig erscheinen, könnten sich die Schilderungen auch als haltlos erweisen. Also geht es auf Spurensuche.

Georg Meyer wurde 1904 in Emstek geboren. 1931 wurde er zum Priester geweiht. Er war 49 Jahre alt, als er in Markhausen Pfarrer wurde. Zuvor war er von 1933 bis 1944 Kaplan in Sedelsberg und von 1944 bis 1953 Vikar in Visbek. Er starb im Alter von 66 Jahren an einer schweren Krankheit und liegt auf dem Friedhof in Markhausen begraben.

Ein Blick in das Archiv unserer Zeitung zeugt eher von einem unauffälligen Seelsorger in der kleinen Kirchengemeinde St. Johannes. Und drei Stationen innerhalb von 39 Priesterjahren sprechen für Kontinuität und Vertrauen.

Bistum weiß Bescheid

 Gibt es beim Bistum Münster Hinweise, die die Vorwürfe des anonymen Markhausers untermauern könnten? Die Antwort: Ja.

„Im März 2011 hat sich eine betroffene Person hier gemeldet und im Rahmen eines Antrags auf Anerkennung des Leids von Missbrauch durch den genannten Priester berichtet“, teilt Peter Frings vom Bistum Münster auf Anfrage unserer Redaktion mit. Er ist als Interventionsbeauftragter des bischöflichen Generalvikariates in Münster mit solchen Anträgen betraut.

Er berichtet davon, dass der Mann aus Markhausen angegeben habe, von etwa 1959 bis 1965 vom Pfarrer der St.-Johannes-Gemeinde mehrmals sexuell missbraucht worden zu sein. Die betroffene Person habe nach eigenen Angaben auch mit einigen ganz wenigen Personen aus dem persönlichen Umfeld über den Sachverhalt gesprochen. Der Antrag des Markhausers sei vom Bistum anerkannt worden, es sei eine Anerkennungszahlung erfolgt.

Der Mann, der sich vor zehn Jahren beim Bistum gemeldet hatte, ist definitiv nicht der Mann, der ein Jahrzehnt später ähnliche Vorwürfe gegen Meyer erhebt. Denn der Mann, der 2011 den Antrag stellte, ist mittlerweile verstorben.  

100 Übergriffe?

Somit gibt es jetzt zwei Männer, die unabhängig voneinander mit einem deutlichen zeitlichen Abstand von sexueller Gewalt durch Pfarrer Meyer berichten. Reicht das, um über die Vorwürfe zu berichten? Eine Anfrage an die Uni Münster gibt letzte Gewissheit, dass das Thema durchaus eine öffentliche Relevanz hat.

Die Universität arbeitet im Auftrag des Bistums Münster an einer unabhängigen Studie zu sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche. Und dort ist der Name Georg Meyer und die Aktenlage aus dem Jahr 2011 bekannt, wie David Rüschenschmidt von der Uni Münster bestätigt.

In den frühen 1960er Jahren soll der Markhauser als Messdiener im Alter von neun bis zwölf Jahren über einen längeren Zeitraum erhebliche Missbrauchstaten durch Meyer im Heizungskeller der Kirche und in der Sakristei erlitten haben – in rund 100 Fällen. Er habe sich nicht getraut, etwas zu sagen, einerseits aus Scham, andererseits, weil Meyer ihn unter Druck gesetzt hatte, berichtet Rüschenschmidt auf Grundlage der Akten.

Er fügt hinzu: „Eine Anerkennung des Antrags durch das Bistum ist nicht gleichzusetzen mit einer Bestätigung der Vorwürfe.“ Es bedeute aber, dass man die Ausführungen des mittlerweile verstorbenen Mannes für glaubhaft halte. Die Mitarbeiter der Uni-Studie halten zudem auch die Ausführungen in dem anonymen Brief für glaubhaft. Zudem sei Meyer eine Person der relativen Zeitgeschichte. In der Summe würde das eine Berichterstattung rechtfertigen.

Resümee

 Am Ende der Recherche stehen also zwei Personen aus Markhausen – zwei unabhängige Quellen –, die schwere Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gegen Pfarrer Georg Meyer erheben. Beide werden als glaubhaft eingestuft. Und es soll weitere Opfer geben. Pfarrer Meyer kann sich zu den Vorwürfen nicht mehr äußern.

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