KINDESMISSBRAUCHLaufendes Gerichtsverfahren

Missbrauchsprozess gegen Pflegevater: samstags ins Büro geholt

Sexueller Missbrauch seiner Pflegetöchter und die Verbreitung von Kinderpornografie: Ein Mann aus dem Steinlachtal ist in Tübingen angeklagt. Das Jugendamt hatte keinen Verdacht geschöpft. 

Er habe die Abwesenheiten seiner Frau genutzt, um seine beiden minderjährigen Pflegetöchter jahrelang sexuell zu missbrauchen: Am Tübinger Landgericht war am Dienstag der Prozessauftakt gegen einen 65-Jährigen aus dem Steinlachtal. Außerdem soll er rund 300 kinder- und jugendpornografische Bilder und Videos besessen haben.Anzeige

Eine Schwarzfahrt brachte das Verfahren ins Rollen. Im Januar 2017 erwischte eine Zugschaffnerin eine Jugendliche, Jahrgang 2001, ohne Ticket. Sie habe „ganz in sich versunken“ gewirkt, und als sie nur eine Kopie ihres Ausweises vorzeigen konnte – das Original habe zu Hause bleiben müssen – sei die Zugbegleiterin stutzig geworden. So berichtete es die Frau als Zeugin
vor Gericht. „Hand auf’s Herz, du bist ausgerissen“, habe sie der Jugendlichen gesagt – und ins Schwarze getroffen.

Denn die Jugendliche hatte aus ihrer Pflegefamilie, in der sie seit ihrer frühen Kindheit untergekommen war, ausreißen wollen. Auf die Frage, ob sie geschlagen werde, habe sie geantwortet: „Früher ja, jetzt nein.“ Die Zugbegleiterin riet ihr, sich ans Jugendamt zu wenden, was sie dann auch tat. Das Amt hatte bis dahin offenbar keinen Verdacht geschöpft, dass in der Familie etwas im Argen liegen könnte.

„Der blanke Horror“

Die Ausreißerin war nicht das einzige Pflegekind der Familie: Neben einer weiteren, etwas älteren Pflegetochter (Jahrgang 1999) hatte sie auch den jüngeren Halbbruder der Ausreißerin aufgenommen. Außerdem gab es zwei leibliche und ältere Kinder des Ehepaares. Die ältere Pflegetochter lebte zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr im Steinlachtal, sie war 2013 nach einem magersuchtbedingten Psychiatrie-Aufenthalt nicht mehr in die Familie zurückgekehrt.

Die jüngere Pflegetochter offenbarte sich nach ihrer missglückten Flucht – es war nicht ihr erster Versuch – dem Jugendamt: Auf einem MP3-Player hatte sie ihre Lebensgeschichte eingesprochen. Diese Audiodatei wurde auch in der Verhandlung abgespielt. Die ersten Jahre seien „wunderschön“ gewesen, allerdings erinnere sie sich kaum an Geburtstage, die sie gefeiert habe, so die Jüngere in der Sprachnachricht. Die Pflegemutter „hat einen derartigen Hass auf mich.“ Und auch der Pflegevater wird nicht geschont: „Er hat mich immer sexuell belästigt.“ Angefangen habe es mit Berührungen, über die Jahre hätten sich die sexuellen Übergriffe gesteigert, bis es letztendlich zu erzwungenem Analverkehr gekommen sei. Die Jahre in der Famile seien „der blanke Horror“ gewesen.

Das weitere Bild, dass sich aus den Aussagen ergibt, die die jüngere Pflegetochter in der Sprachnachricht und gegenüber der Polizei gemacht hat: Es habe Schläge und kaum Freiraum für die Pflegetöchter gegeben. Nagellack, Make-Up, Haarefärben und Rasuren seien tabu gewesen. Ihre Zimmer hätten sie nur zum Schlafen nutzen dürfen, ansonsten hätten sie sich stets in der Küche aufhalten und häkeln müssen.

Samstags habe sie der Vater in seinem Büro missbraucht, wenn die Pflegemutter mit dem jüngeren Bruder beim Einkaufen oder mit dem Hund unterwegs war. Dabei habe der Angeklagte auch pornografische Fotos und Videos angefertigt. Angefangen habe das alles, als die Jüngere etwa elf Jahre alt war. Einmal sei die Pflegemutter unerwartet früh von einem Fasnetsumzug gekommen und habe gesehen, wie die Jüngere mit halb heruntergelassener Hose aus dem Büro gekommen sei. Daraufhin hatte der Pflegevater das Haus für ein paar Tage verlassen, sonstige Konsequenzen habe es nicht gegeben.

Keine Bescherung

Auch die ältere Pflegetochter, die inzwischen in einem anderen Bundesland lebt, wurde von der Polizei vernommen, nachdem die Vorwürfe der Jüngeren bekannt geworden waren. Auch sie schilderte sexuelle Übergriffe. Die Pflegemutter habe das gewusst und den Töchtern den Vorwurf gemacht, dass sie es mit sich machen ließen. Fürs Frühstück hätten die Kinder außerdem immer nur zehn Minuten Zeit bekommen – für die magersüchtige Ältere eine Herausforderung.

Die Pflegemutter habe der Älteren diktiert, was sie in ihr Tagebuch schreiben sollte: Es seien schlechte Dinge über die leibliche Mutter gewesen. Auch den Hund habe die Pflegemutter auf die Kinder hetzen wollen – der habe aber nicht mitgemacht. An Heiligabend habe es die Bescherung nur für die leiblichen Kinder gegeben, während die Pflegekinder früh ins Bett geschickt worden seien.

Die Tatsache, dass bereits die ältere Pflegetochter schwerstkrank aus dieser Familie kam und nicht mehr dorthin zurück wollte, hatte das Jugendamt nicht dazu veranlasst, die Situation der verbleibenden Pflegekinder zu untersuchen. „Es gab keinen Hinweis,“ äußerte die zuständige Sachbearbeiterin des Landratsamts. Man habe den Eindruck gehabt, dass es behütet zugehe, die Pflegemutter habe das „toll gemanagt“. Die Vorwürfe seien aber „absolut glaubhaft“.

Der Angeklagte wollte sich nicht äußern, bestreitet aber die Vorwürfe. Am Mittwoch geht der Prozess weiter, dann ist die jüngere Pflegetochter in den Zeugenstand geladen.

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