KINDESMISSBRAUCH

Mord in der «famiglia»

Aus dem Fernsehen hat Concetta Scazzi erfahren, dass ihre Tochter Sarah tot ist. Das 15-jährige Mädchen wurde ermordet. Seit sechs Wochen wurde der hübsche Teenager vermisst. Zweifel an der Identität der Toten waren schnell ausgeräumt.

Sarahs Mörder sind vermutlich nahe Verwandte, mit denen sie viel Zeit verbracht hatte. Als dringend tatverdächtig gelten ihr Onkel, ein 57-jähriger Landwirt, und ihre 22-jährige Cousine, die als Sarahs Herzensfreundin galt. Onkel und Cousine sollen das Mädchen mit einem Gürtel in einer Garage erdrosselt haben. Sogar von sexuellem Missbrauch der Leiche ist die Rede.

Die «cronaca nera», die Berichterstattung über Kriminalität in Italien, ist geprägt von Mord und Totschlag unter Familienangehörigen. Der römische Scheidungsanwalt Ettore Gassani hält Gewalt in der Familie für eines der grössten gesellschaftlichen Probleme des Landes. Doch es werde verdrängt. Ein Grund dafür scheint ironischerweise die Sensationslust der Medien. «Der Medien-Voyeurismus», so die Mailänder Psychologin Elena Calabrò, banalisiere die innerfamiliäre Gewalt. «Missbrauchsopfer sehen angesichts des virtuellen Events ihre eigene Situation als nicht mehr so schlimm an, denn andere trifft es ja noch härter.»

Alle zwei Tage wird in der italienischen Familie getötet. Eine Kriminalstatistik für das Jahr 2008 besagt, dass 171 von 601 Tötungsdelikten im familiären Umfeld begangen wurden; 28 Prozent. «Mafiosi sind friedlicher», sagt Anwalt Gassani: Auf das Konto des organisierten Verbrechens gehen «nur» 128 Fälle. Dabei gilt die Familie im italienischen Verständnis immer noch als heil und eine Art Embryo, aus dem Gesellschaft wächst. Auch hohe Scheidungsraten und leere Babybetten zerstören das idyllische Scheinbild nicht. Politiker, darunter geschiedene Väter in Patchwork-Verbindung, schwärmen von traditionellen Familienbanden.

Die Psychologin Calabrò zeigt sich schockiert darüber, dass in der Industrienation Italien Gewalt in der Familie als «Angelegenheit privater Natur» dargestellt wird. Und im kommunalen Frauenzentrum der mittelitalienischen Stadt Cesena bekommt die Sozialarbeiterin Giuseppina Ghini allzu oft den Satz «Tutto va bene» zu hören – alles läuft gut. «Dabei weiss ich, dass er nicht stimmt», sagt sie. In Italien gibt es eine Kultur der Gewalt, Generationen von Frauen hätten akzeptiert, dass Männer aus dem Familienkreis manchmal gewalttätig würden. Die Sozialarbeiterin, die selbst Misshandlungen in der Ehe erlebte, ist froh, dass ihre Kinder anders denken und handeln. «Aber noch sind nicht alle jungen Italiener und Italienerinnen so weit.»

Hinter «Omertà» können sich nach Ansicht von Kriminologen «Ungeheuer in Familien» verstecken. Mit dieser «Mauer des Schweigens» erklären sie normalerweise Unantastbarkeit und Macht von Mafiosi. «Beunruhigendes Schweigen» über heikle Konflikte in der Familie führte nach Ansicht der Psychotherapeutin Gianna Schelotto auch zum Mord an Sarah. Aus den Medienberichten folgert sie, dass es in der Familie des Mädchens «ein grosses Paket» an Schwierigkeiten gegeben habe.

«Als Stille, in der Hölle ausbricht» beschreibt die Therapeutin Schelotto Familiensituationen, wie sie offenbar Sarah erlebte. Der Familienexperte Gassani weiss aus Erfahrung, dass Verwandte, Freunde und selbst Vertrauenspersonen wie Rechtsanwälte bei Verdacht auf Gewalt in der Familie oft nicht genau hinschauen. Der Jurist Gassani schätzt, dass 60 Prozent der Gewaltverbrechen angekündigte Morde sind. Die Opfer gäben vor der Tat Signale, die nicht gesehen würden.

Soziologen und Therapeuten hätten sich gewünscht, dass der Mordfall Sarah «endlich» eine ernsthafte öffentliche Diskussion über Gewalt in der Familie entfacht. Stattdessen gibt es eine «obszöne Medienberichterstattung», wie die Mailänder Tageszeitung «Corriere della Sera» bemerkte, die allerdings wie alle anderen Blätter auch ausführlich den Fall beleuchtete. Doch die Horror-Show nimmt kein Ende. Neuerdings muss die Polizei am Wochenende im süditalienischen Avetrana die Strasse absperren. Busse karren Schaulustige an. Sie wollen den Schauplatz des Verbrechens an Sarah sehen.

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