KINDESMISSBRAUCHVERHAFTETE TÄTER

Oerlinghauser wegen mehrfachen Missbrauchs verurteilt

Janet König

Oerlinghausen. 20 Jahre ist es her, dass sein Stiefvater ihn auf schlimmste Weise sexuell missbraucht hat. Inzwischen ist Anton (Name geändert) 34 Jahre alt. Seine Stimme bricht, während er von den unglaublichen Taten berichtet, die ihm der Lebensgefährte seiner Mutter hundertfach angetan hat. Als es anfing, war er gerade einmal zehn Jahre alt. „Sie müssen sich nicht schämen“, sagt die Vorsitzende Richterin Anke Grudda und versucht, dem Zeugen die Angst zu nehmen. „Wir haben oft auch Kinder hier sitzen, die Ähnliches durchgemacht haben.“

Den geständigen Stiefvater, einen 55-jährigen Mann aus Oerlinghausen, verurteilt die Jugendschutzkammer am Ende des zweiten Prozesstages zu einer vierjährigen Haftstrafe. 170 Mal hat er sich von 1996 bis 2000 an seinem Stiefsohn vergangen, davon ist das Gericht überzeugt. Bei 58 Taten geht es um schweren sexuellen Missbrauch, mehr als 3.000 kinderpornografische Bilder wurden ebenfalls bei ihm gefunden.

Staatsanwältin Helena Werpup hatte viele weitere Taten eingestellt. „Wir gehen jetzt davon aus, dass der Angeklagte sich dreimal im Monat an dem Jungen vergangen hat“, sagt Werpup. Die Taten sind zugunsten des Oerlinghausers herunter gerechnet worden.

Der Täter war geständig

Es ist das Geständnis des Täters, das dem Opfer und allen Prozessbeteiligten eine langwierige Beweisaufnahme erspart, macht Richterin Anke Grudda in der Urteilsbegründung deutlich. Weil der Oerlinghauser im Jahr 2007 schon einmal wegen sexuellen Missbrauchs an seinem Enkelsohn zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt worden war, sieht die Rechtslage vor, das Strafmaß von damals mit einzubeziehen. Denn die Taten, um die es jetzt geht, liegen länger zurück als die, die damals zum Urteil führten.

„Bei so vielen Taten ist es schwer nachzuvollziehen, dass jemand nach vier Jahren Haft wieder nach Hause darf“, sagt Grudda. Doch der Kammer sind die Hände gebunden, in diesem Fall greift die Härteausgleichsregelung. Wäre im Jahr 2007 auch der Missbrauch am Stiefsohn verurteilt worden, hätte der heute 55-Jährige mit einer Gesamtstrafe von achteinhalb Jahren rechnen müssen.

„Er war oft so rabiat“

Nach der Haftstrafe war der Mann einfach wieder in die Familie zurückgekehrt. „Wir haben damals gedacht, dass die Sache nicht stimmt“, sagt die Lebensgefährtin des Angeklagten vor Gericht. Sie habe geglaubt, ihre Tochter hätte das Kind aufgestachelt. Dass ihr Freund oft halbnackt in Unterwäsche mit den Kindern umhergetobt sei, habe sie zwar nicht gut gefunden, jedoch auch nicht verhindern können. „Er war oft so rabiat. Einmal hat er meinen Sohn beim Rauchen erwischt und ihn mit der Dachlatte verprügelt“, sagt die 66-Jährige.

Den sexuellen Missbrauch an ihrem Sohn habe sie aber nie geahnt. Wie sehr der Junge von damals als erwachsener Mann noch Jahrzehnte später unter den Taten leidet, wird bei seiner Aussage deutlich. Er leide noch immer an Schlaflosigkeit und Alpträumen, sagt er, manchmal fange er einfach grundlos an zu zittern.

Die Übergriffe habe er jahrelang verdrängt, erst als seine Kinder vorübergehend in Obhut genommen wurden, weil die Ermittler anhand von Bildern vermuteten, sie seien gegen die Auflagen bei dem verurteilten Stiefvater zu Besuch gewesen, sei plötzlich alles ihn ihm hochgekommen. „Ich habe mich scheiße und hilflos gefühlt“, sagt der 34-Jährige.

Sein kleiner Bruder habe die ganze Geschichte überhaupt nicht verkraftet und werde jetzt in einer psychiatrischen Klinik behandelt. Seiner Familie soll er gesagt haben, nicht vom Stiefvater missbrauch worden zu sein. „Ob es noch weitere Opfer gibt, werden wir hier nicht klären können“, sagt Grudda. Es bleibt eine düstere Ahnung. Weil alle Seiten darauf verzichten, Rechtsmittel einzulegen, ist das Urteil bereits rechtskräftig.

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