Pflegevater verurteilt Schläge, Sprechverbot und sexueller Missbrauch

Ein Mann vergeht sich jahrelang an seinen Pflegetöchtern und wird in Tübingen nun zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt. Es gibt auch Vorwürfe an das Jugendamt. 

Tübingen – Das Tübinger Landgericht hat einen 65-jährigen Pflegevater wegen sexuellen Missbrauchs seiner beiden Pflegetöchter zu fünf Jahren und sechs Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Die Kammer fand hinreichende Beweise für die sexuellen Übergriffe in 36 Fällen, die in der Begründung zum Teil detailliert geschildert wurden. Zudem habe der Pflegevater kinder- und jugendpornografische Bilder gefertigt.

Der Prozess erregte weit über Tübingen hinaus Aufsehen, weil eine Diplompsychologin das Jugendamt über die desolaten Verhältnisse in der Pflegefamilie mehrfach informiert hatte. Vom sexuellen Missbrauch, der sich über viele Jahre hinzog, wusste aber auch sie zunächst nichts.

Der Prozess war am letzten Mittwoch unterbrochen worden, weil der Angeklagte Harry S. verschwunden war. Wie sich herausstellte, hatte er nachts sein Haus in einem Dorf bei Tübingen verlassen und sich tagelang im Wald versteckt. Am letzten Sonntag tauchte er – in der Tübinger Nervenklinik – wieder auf und wurde in Gewahrsam genommen. Das Urteil nahm er regungslos entgegen.

Das Verfahren kam 2017 ins Rollen, als die jüngere der heute 22 und 20 Jahre alten Pflegetöchter zum wiederholten Mal aus der Pflegefamilie weglief und den sexuellen Missbrauch dann dem Jugendamt offenbarte. Das versuchte zunächst, die Sache intern zu regeln, und bestellte den Pflegevater zum Gespräch; erst nach sieben Wochen informierte das Jugendamt die Polizei. Als die das Haus des Täters durchsuchte, waren alle Sexdateien auf den Computern gelöscht. Und: das Jugendamt wies die Staatsanwaltschaft nicht auf die Existenz einer zweiten Pflegetochter hin, die damals die Gastfamilie bereits verlassen, aber zuvor jahrelang mit dem jetzt verurteilten Täter zusammengelebt hatte.

Furchtbare Verhältnisse

Während des Prozesses, der zum Teil unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, kamen in den Zeugenaussagen merkwürdigste Praktiken der Pflegefamilie zur Sprache. So mussten die beiden Pflegetöchter meist in der Küche sitzen und häkeln, es gab Schläge und Sprechverbote von Seiten der Pflegemutter, Freundschaften mit anderen Kindern waren nicht erlaubt. Die Psychologin Heidrun Overberg legte vor Gericht dar, wie intensiv sie das Jugendamt in Schriftsätzen und Gesprächen auf Missstände in der Pflegefamilie hingewiesen hatte. Overberg hatte die ältere Pflegetochter in Therapie gehabt und sprach von emotionalem Missbrauch in der Familie. Die Pflegemutter stand allerdings nicht vor Gericht.

Der Vorsitzende Richter Armin Ernst wollte nun in seiner Urteilsbegründung die Debatte über das Jugendamt nicht befeuern. Man habe trotz der seltsamen Verhältnisse in der Familie vom (2011 beginnenden) Missbrauch zunächst schlicht nichts wissen können. Das Tübinger Jugendamt habe im Bereich der Pflegefamilien „sehr gute Arbeit gemacht“, denn dies sei der einzige Fall sexuellen Missbrauchs in den letzten Jahren. Allerdings habe das Jugendamt bei wichtigen Themen auch versagt: man habe sich in Fragen des Missbrauchs eine „Prüfungskompetenz“ angemaßt, statt Anzeige zu erstatten, und die jüngere Pflegetochter „mangelhaft“ auf die polizeiliche Vernehmung vorbereitet.

Deutlicher wurde Oberstaatsanwältin Rotraud Hölscher, deren nichtöffentliches Plädoyer der Richter auszugsweise wiedergab. Sie konnte nicht nachvollziehen, wieso im Jugendamt niemand die Interessen der leiblichen Mutter vertrat, die die ältere Pflegetochter aus der Familie herausnehmen wollte. Und wieso so viele unterschiedliche Mitarbeiter die beiden Mädchen betreuten, aber niemand ein Vertrauensverhältnis aufbauen konnte. Die Taten selber hielt sie für bewiesen.

Die abschließenden Ausführungen des Vorsitzenden Richters Armin Ernst kreisten sehr detailliert um die Glaubwürdigkeit der beiden zu Tatbeginn vorpubertären Opfer des Missbrauchs. Sie sei in vielen „Realkennzeichen“ und der „Aussagekonstanz“ gegeben, sodass verurteilt werden musste. Das Strafmaß sei ein „Zusammenzug“ verschiedener Einzelstrafen. Allerdings sei es um ein Haar nicht zur Anklage gekommen, da bis auf eines die „objektiven Beweismittel“ auf den Computern gelöscht gewesen seien. Der Anwalt des Täters sagte, er werde „wahrscheinlich“ in Revision gehen.

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ZUSAMMENFASSUNG

Datum des Artikels04.03.2021
LandDeutschland
StadtTübingen
Alter des Täters65
Verurteilt5 Jahr(e) 5 Monat(e)
Bewährung 
Geschlecht des Betroffenenweiblich
Anzahl der Betroffenen2
Art der TatMissbrauch
Anzahl der Taten36
Anzahl der kinderpornografischen Dateien (Bilder/Videos)X
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