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Primarschülerin jahrelang von «Freund der Familie» missbraucht

Ein 76-jähriger Rentner muss für knapp fünf Jahre ins Gefängnis, weil er während zwei Jahren ein Kind zu sexuellen Handlungen genötigt hat.

Lange Jahre war er der «beste Freund der Familie». Doch dann stellte sich heraus, dass der ach so liebenswürdige, heute 76-jährige Schweizer das Vertrauen der Eltern einer Primarschülerin schwer missbraucht und sich regelmässig an dem Kind vergangen hatte. Zwischen Frühling 2015 und Frühling 2017 hatte das Mädchen mit Jahrgang 2006 wiederholt seine Schulferien bei dem Mann und dessen Ehefrau verbracht. Der Rentner machte dem Kind regelmässig Geschenke. Und wenn seine Ehefrau ausser Haus war, wurde er ebenso regelmässig sexuell übergriffig.

Nachdem sich das Kind den Eltern offenbart hatte, war es aus mit der Freundschaft der beiden Ehepaare mit identischem Migrationshintergrund. Die Staatsanwaltschaft erhob Anklage gegen den Mann, der Ende der 1960er Jahre – aus «religiösen Gründen», wie er vor den Richtern erklärte – aus seinem ostmitteleuropäischen Geburtsland in die Schweiz geflohen war.

Dildo, Anal- und Oralverkehr

Im Januar 2019 sprach ihn das Bezirksgericht Dielsdorf der mehrfachen sexuellen Nötigung, mehrfacher sexueller Handlungen mit Kindern und der mehrfachen Pornografie schuldig und verurteilte ihn zu einer Freiheitsstrafe von 5 Jahren und 2 Monaten. Gestützt auf die mehrstündigen Videobefragungen, in welchen das Mädchen sexuelle Handlungen bis hin zu Analverkehr und gegenseitigem Oralsex sowie Misshandlungen mit einem Dildo schilderte, sahen die Bezirksrichter die von der Staatsanwältin erhobenen Vorwürfe als erwiesen an.

Die Beteuerungen des Beschuldigten, wonach das Mädchen sich mit aus der Luft gegriffenen Vorwürfen an ihm habe rächen wollen wegen seiner Weigerung, ihm einen 250 Euro teuren Riesen-Teddybär zu kaufen, fanden in Dielsdorf kein Gehör, ebenso wenig sein Versuch, das Kind als «frühreife Verführerin» darzustellen. Und die Tatsache, dass sich auf seinem iPhone anzügliche Fotografien von Mädchen – angeblich ohne sein Wissen von seiner Ehefrau in den Ferien geschossen – gefunden hatten, trug auch nicht zu seiner Entlastung bei.

Langes Warten auf das Urteil

Das Obergericht des Kantons Zürich, das sich am 9. September mit dem Fall befasst hatte, aber an jenem Verhandlungstag noch zu keinem Urteil gekommen war, schliesst sich in seinem am Montag eröffneten Verdikt der vorinstanzlichen Auffassung an. Es sei ein komplizierter Fall, und er müsse sich daher auf eine Zusammenfassung beschränken, sagt Gerichtspräsident Beat Gut und verweist auf die schriftliche Begründung.

Gut erklärt unter anderem, dass das Obergericht nicht auf die Forderung der Verteidigung nach einem Gutachten zur Glaubwürdigkeit des Opfers eingetreten sei, weil sich die Geschädigte sehr klar ausgedrückt habe. «Es war uns gut möglich, ihre Aussagen zu analysieren. Eine solche Aufgabe kann man nicht an einen Gutachter delegieren.» Das von der Verteidigung angeführte «pathologische Lügenverhalten» lasse sich bei dem Mädchen nicht feststellen, und von einer Borderline-Störung könne keine Rede sein. «Diese Diagnose wird bei Kindern nicht gestellt.»

Der Gerichtsvorsitzende findet aber auch lobende Worte für die Verteidigung. Diese habe gute Arbeit geleistet und nicht nur tendenziöse Argumente vorgebracht, sondern auch solche, die durchaus stichhaltig seien. So sei die polizeiliche Befragung auch aus der Sicht des Gerichts nicht gut gewesen. Die Aussagen des Mädchens wiesen teilweise erhebliche Schwächen auf, und auch Spuren einer Beeinflussung seien nicht auszuschliessen. Aussagen wie jene, dass sie den Mann hasse und dass er in die Hölle gehöre, müssten nicht zwingend von ihr selber kommen.

Die übliche Ausrede

Vom Vorwurf des angeblich besorgniserregenden sexualisierten Verhaltens, welches das Opfer an den Tag gelegt habe, hält das Gericht aber nichts. Dass der Beschuldigte dieses während so langer Zeit weder den Eltern noch seiner eigenen Frau gegenüber erwähnt habe, sei unwahrscheinlich. Und seine Behauptungen, dass er und das Mädchen ein spielerisches Verhältnis «wie zwischen zwei Kindern» gehabt hätten und dabei von den mehr als sechzig Jahren Altersunterschied nichts zu spüren gewesen sei, stuft das Richtergremium als verdächtig ein. «So etwas hören wir nicht zum ersten Mal», betont der Gerichtspräsident. «Diese Aussage machen Pädophile immer wieder.»

Das Obergericht geht von einer leicht geringeren Zahl von Übergriffen aus als die Vorinstanz und reduziert das Strafmass geringfügig um 3 auf 59 Monate. Dank den bereits erstandenen 1043 Tagen in Untersuchungshaft und im Gefängnis könnte der Mann bei guter Führung bereits im kommenden Frühjahr freikommen. Das gleichfalls über den Verurteilten verhängte zehnjährige Tätigkeitsverbot in Bereichen mit Kindern und Jugendlichen wird aber weiterlaufen, ebenso das fünfjährige Kontaktverbot zum Opfer.

Urteil SB190327 vom 23. 11. 2020; noch nicht rechtskräftig.

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