Sechs Jugendliche im «Fall Seebach» belangt

Die Untersuchungen zur mutmasslichen mehrfachen Vergewaltigung einer 13-Jährigen in Zürich Seebach sind abgeschlossen. Gegen zwei Jugendliche wird Anklage erhoben. Vier weitere werden wegen Pornografie, Schändung und sexueller Handlungen mit einem Kind belangt.

05.12.2007

fri. Nach wie vor bezeichnet es die Jugendanwaltschaft der Stadt Zürich als «sehr schlimm», was ein 13-jähriges Mädchen im Herbst 2006 in Zürich Seebach hat erleben müssen. Wegen Vergewaltigung werden zwar einzig zwei Jugendliche angeklagt. Dies relativiere den Vorfall aber keineswegs, sagte der Leitende Jugendanwalt Hansueli Gürber am Dienstag nach der Veröffentlichung der Untersuchungsergebnisse. Alle dreizehn zunächst tatverdächtigen Jugendlichen seien in die Übergriffe involviert gewesen, sechs davon hätten Handlungen ausgeübt, die strafrechtlich zu ahnden seien.

Bei den unter Anklage stehenden Jugendlichen handelt es sich laut Gürber um den damaligen Freund des Opfers, der zur Tatzeit 16 Jahre alt war, sowie um den damals gerade 18 Jahre alt gewordenen jungen Erwachsenen, in dessen elterlicher Wohnung die Übergriffe stattgefunden hatten. Die Anklagen lauten auf Vergewaltigung, Ausnützen einer Notlage und Pornografie, im Falle des Ältern zusätzlich auf sexuelle Nötigung, Schändung und sexuelle Handlungen mit einem Kind. Beide sind teilweise geständig; der Jüngere bezüglich der Pornografie, der Ältere bezüglich der Pornografie und der sexuellen Handlungen mit einem Kind. Für den Älteren beantragt die Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat vor Bezirksgericht Zürich eine Freiheitsstrafe; für den Jüngeren fordert die Jugendanwaltschaft eine Unterbringung in einer geeigneten Einrichtung.

Übergriffe an fünf Abenden

Eine wichtige Rolle spielte bei den Übergriffen das Kabel eines Musikgerätes. Die 13-Jährige wollte laut Gürber ihr Kabel vom Freund zurückhaben. Dieser lockte das Mädchen damit in die fremde Wohnung. Dort haben die mutmasslichen Täter der Jugendlichen gedroht, dass sie das Gerücht verbreiten würden, sie habe bereits sexuelle Handlungen mitgemacht, wie Gürber ausführte. Insgesamt kam es an fünf Abenden zwischen dem 4. und dem 11. November 2006 zu Übergriffen in der Wohnung der Eltern des Ältesten. Einige der dreizehn Jugendlichen waren einmal dabei, andere mehrmals, einzig der Älteste war laut Gürber bei allen Übergriffen anwesend. Der Gruppe gehörten auch Jugendliche an, die das Mädchen praktisch nicht kannte. Vier der mutmasslichen Täter gingen wie das Opfer im Schulhaus Buhnrain zur Schule.

Abgesehen von den wegen Vergewaltigung Angeklagten haben sich vier weitere Angeschuldigte mutmasslich Sexualdelikte zuschulden kommen lassen. Zwei davon sollen wegen Pornografie belangt werden, weil sie die Übergriffe mit dem Handy aufgenommen und die Bilder verbreitet hatten; bei einem wurde mutmasslich der Tatbestand der sexuellen Handlung mit einem Kind erfüllt; der vierte muss sich wegen Schändung verantworten. Diesen Tatbestand erfüllt gemäss Strafgesetz, wer eine «zum Widerstand unfähige Person» zum Beischlaf missbraucht. Im Unterschied zur Vergewaltigung geht es dabei nicht um Drohung, Gewalt oder psychischen Druck. Aus welchen Gründen das Mädchen nicht in der Lage war, sich zu wehren, sagte Gürber nicht. In Frage kommen etwa übermässiger Konsum von Alkohol oder Drogen. Gegen die vier Jugendlichen hat die Jugendanwaltschaft Erziehungsverfügungen mit jugendstrafrechtlichen ambulanten Massnahmen ausgestellt. Die Jugendlichen werden zu Hause von Fachpersonen begleitet, betreut und erzogen.

Handlungen in der Grauzone

Sieben der dreizehn Tatverdächtigen haben keine Handlungen begangen, die unter einen Straftatbestand fallen. Die Verfahren gegen sie wurden eingestellt. Der Tatbestand der Vergewaltigung setzt voraus, dass der Täter sich des Unwillens des Opfers und seiner Drohungen beziehungsweise seiner Druckausübung bewusst ist. Dieses subjektive Verschulden konnte den sieben Jugendlichen nicht nachgewiesen werden, wie Gürber sagte. Das heisse aber nicht, betonte der Jugendanwalt, dass in Ordnung sei, was diese sieben zunächst Tatverdächtigen getan hätten. Alle dreizehn Jugendlichen, gegen die die Jugendanwaltschaft ermittelt habe, hätten bei den Vorfällen eine Rolle gespielt. Das Opfer bleibe ein Opfer, auch wenn eine Tat juristisch nicht nachgewiesen werden könne.

Das Ziel der Jugendanwaltschaft ist laut Gürber, ähnliche Taten zu verhindern. Einige der nicht belangten sieben Jugendlichen hätten deshalb noch während des Verfahrens ein dreimonatiges Therapieprogramm für ihr Sexualverhalten absolvieren müssen. Fünf dieser ursprünglichen Tatverdächtigen wurden ambulante Massnahmen erteilt, die teilweise mit Delikten zusammenhängen, die mit dem «Fall Seebach» nichts zu tun hatten. Um was für Straftaten es sich dabei handelt, führte Gürber nicht näher aus.

Die Jugendlichen, deren Verfahren eingestellt wurden, erhalten für die Untersuchungshaft eine Genugtuung von 100 Franken pro Tag. Dies entspricht der Praxis. Ende September hatte jedoch das Bezirksgericht Affoltern einem 13-Jährigen 2000 Franken für einen Tag U-Haft zugesprochen, nachdem sich der Verdacht, er habe einen 7-Jährigen missbraucht, aufgelöst hatte (NZZ 19. 11. 07). – Die Einstellungs- und die Erziehungsverfügungen sind noch nicht rechtskräftig.

Share with:


Share on facebook
Facebook
Share on twitter
Twitter
Share on linkedin
LinkedIn

ZUSAMMENFASSUNG

Datum des Artikels05-12-2007
LandSchweiz
StadtZurich
Alter des Täters16, 18
Bewährung 
Geschlecht des Betroffenen 
Altes des Betroffenen13
Anzahl der Betroffenen1
Art der Tat
VerknüpfungClick here to view detail " target="_blank">Link