Sogar im Whirlpool: Stieftochter jahrelang missbraucht

Ein Kleingewerbler (52) stand vor Bezirksgericht Kulm. Dieses sieht es als erwiesen an, dass er seine Stieftochter ab dem Kindergartenalter massiv sexuell missbraucht hat. Doch er streitet alles ab.

Über Jahre hinweg stand Fritz (52, Name geändert), ein Kleingewerbler aus dem Wynental, in einer privaten und geschäftlichen Beziehung mit einer Frau, die drei Kinder hat. Mal intensiver, mal weniger. Man verbrachte Ferien zusammen. Und dort, aber auch am Wohnort von Fritz, kam es gemäss Anklageschrift zu zahlreichen, teils schweren sexuellen Übergriffen auf die heute volljährige Fabienne, die Tochter seiner damaligen Lebensgefährtin.

Ein ganz spezieller, zweigeteilter Prozess

Fritz will davon nichts wissen, macht von seinem Recht auf Aussageverweigerung Gebrauch. Ein schwieriger Fall für das Bezirksgericht Kulm unter Präsident Christian Märki. Warum? Der Beschuldigte hat bei der Polizei alles abgestritten.

Also müssen starke Indizien seine Schuld indirekt beweisen, ansonsten erfolgt ein Freispruch. In Kulm wird auf Antrag der Staatsanwaltschaft das Tat- oder Schuld-Interlokutverfahren angewendet. Das heisst: Es geht im ersten Schritt nur darum, die Tatfrage zu klären. Um eine Verurteilung und eventuelle Massnahmen geht es erst in einem späteren Hauptverfahren.

Opferaussagen sind für Gericht glaubwürdig

Das Gericht gibt Fabienne recht. Es stützt sich auf ihre konstanten, kohärenten und plausiblen Aussagen, sowohl bei Polizei, Staatsanwaltschaft und Bezirksgericht Kulm. «Die Schilderungen lassen auf einen Erlebnishintergrund schliessen», sagt Christian Märki und verweist auf Detaillierungen, die kaum zu erfinden seien. Keine Übersteigerungen, nichts Angelerntes, keine Klischees.

So hätten Fritz und Fabienne bei den ersten Übergriffen am PC harmlose Ferienfotos angeschaut, nicht etwa Pornos. Fabienne erinnert sich an Details wie Gerüche. Eine Weinfahne von Fritz. An der Verhandlung sagt sie, wenn sie Urin rieche, kämen ihr die Bilder wieder hoch. Bilder einer Leidensgeschichte, die im Kindergartenalter begann und sich über acht Jahre hinzog.

Als Achtjährige musste sie ihn im Whirlpool befriedigen

Das Gericht sieht auch eine plausible Logik in den Taten: zuerst Berührungen, dann manuelle Stimulation. So musste die achtjährige Fabienne Fritz in dessen Whirlpool im Garten, wo man gemeinsam nackt badete, manuell befriedigen, wenn die Mutter bereits unter der Dusche war. Später verlangte Fritz Analverkehr, mit und ohne Kondom, dies ab ihrem 11. bis zum 15. Lebensjahr. Auch musste Fabienne ihn ab acht Jahren ohne Kondom oral befriedigen. Fritz machte ihr dafür kleine Geschenke: Schmuck, Kleider, Geld.

Fabiennes Glaubwürdigkeit wird durch das Umfeld, Mutter und Bekannte, unterstützt. So habe Fabienne bei Kolleginnen und Kollegen Andeutungen gemacht auf Übergriffe, bereits Monate, bevor die Mutter zur Polizei ging.

Schwieriges Verhalten des Beschuldigten

Das Aussageverhalten von Fritz sei zwar legitim, so das Gericht, erschwere aber eine Würdigung, da kaum Aussagen da seien, er die Taten einfach bestreite, dies aber ohne Emotionen und verhalten tue, was nicht die zu erwartende Reaktion auf die ungeheuerlichen Vorwürfe sei. Keine Empörung, nichts. Zumal er sich als liebevoller Ersatzvater, der die Familie unterstützte, gesehen habe.

Stutzig mache die Aussage bei der Polizei, er habe Fabienne mit deren älterem Stiefbruder bei sexuellen Aktivitäten gesehen. Warum hat er sie nicht gestellt? Die Mutter informiert? Schutzbehauptung? Oder hätte er damit ein für ihn heikles Thema aufs Tapet gebracht?

Komplotttheorie verfängt nicht

Der Verschwörungstheorie, der die Verteidigerin folgt, kann das Gericht nichts abgewinnen: Die Mutter instrumentalisiere die Tochter, um sich an Fritz zu rächen. Zwar hat sie ihm durch die Anzeige in einem ungünstigen Zeitpunkt für ihn, vor einem Geschäftsanlass, eins ausgewischt. Doch von den Übergriffen haben Bekannte bereits viel früher gewusst.

Die Komplottgeschichte hält das Gericht für konstruiert, eine Schutzbehauptung: «Eine Rache der Mutter kann aufgrund des Zeitablaufs ausgeschlossen werden.» Da gewichtet es Fabiennes Glaubwürdigkeit entschieden höher. Fabienne wurde von Ärztinnen untersucht. Da ging es vor allem darum, eventuelle Spuren von Analverkehr festzustellen.

Das Ergebnis: Es gibt Narben, die stark auf Verletzungen durch Analverkehr hindeuteten; allerdings könnten sie auch durch Verstopfung hervorgerufen worden sein. «Kein strikter Beweis, doch im Kontext ergibt sich ein schlüssiges Bild», sagt Richter Märki.

Wie geht es nun weiter? Dieser Entscheid des Bezirksgerichts Kulm, die Behandlung der Tatfrage als eine Art von Zwischenurteil, ist nicht anfechtbar. Über den Beschuldigten, Fritz, muss nun ein psychiatrisches Gutachten erstellt, dann das weitere Vorgehen festgelegt werden. In der Hauptverhandlung geht es später auch um die Strafzumessung und eventuelle andere Massnahmen. Dieses Gesamturteil wird anfechtbar sein.

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ZUSAMMENFASSUNG

Datum des Artikels08.03.2021
LandSchweiz
StadtKulm, Wynental
Alter des Täters52
Bewährung 
Geschlecht des Betroffenenweiblich
Altes des Betroffenen8
Anzahl der Betroffenen1
Art der TatMissbrauch
Anzahl der TatenViele
Verknüpfunghttps://www.bzbasel.ch/aargau/aarau/bezirksgericht-kulm-sogar-im-whirlpool-stieftochter-jahrelang-missbraucht-ld.2110694 " target="_blank">Link