Späterer Diakon missbraucht Mädchen im Emsland

Meppen . Über viele Jahre hat ein späterer katholischer Geistlicher und Lehrer im Emsland eine Jugendliche sexuell genötigt und missbraucht. Nach ihrer Einschätzung deckt das Bistum den Täter bis heute. 

Die Folgen für die heute 49 Jahre alte Frau sind fatal. Mehrere Klinikaufenthalte hat sie hinter sich. „Das Schlimmste für mich ist aber, dass die katholische Kirche es immer noch verschleiert“, sagt sie in einem sehr emotionalen Gespräch mit der Redaktion. 

Nach einem sehr langen Leidensweg nahm sie Anfang 2020 den Kontakt zum Bistum Osnabrück auf. „Ich war einfach vorher noch nicht so weit.“ Auf der anderen Seite, wuchs in ihr der Wunsch, dass ihr Anliegen endlich ernst genommen wird. So kam in ihr immer wieder der Gedanke hoch, dass sie vielleicht doch an den schrecklichen Taten selbst schuld sei. Schuldgefühle hegt sie heute gegenüber ihrem heutigen Ehemann und ihren beiden Kindern. „Ich konnte leider viel zu wenig für sie da sein.“

„“Ich konnte leider viel zu wenig für sie da sein.““Mutter

Inzwischen sei sie froh, dass sie im Januar 2020 endlich den Mut aufbrachte und ihren Peiniger beim Bistum Osnabrück „anzeigte“, wenn gleich die Straftaten selbst verjährt sind.  An dem Gespräch nahmen als „Externer Ansprechpartner des Bistums für Betroffene sexueller Gewalt“, der frühere Richter Antonius Fahnemann und der Bistumsjustiziar Ludger Wiemker teil. Missbrauchsbeauftragter des Bistums Osnabrück Antonius Fahnemann. 

Das Opfer lebte damals im Emsland und war bei den ersten Taten 14 Jahre alt. Der mehr als doppelt so alte Peiniger engagierte sich damals in der Kirchengemeinde des Mädchens u.a. in der Jugendarbeit. Diese Position nutzte er schnell schamlos aus: „Bei einem Zeltlager musste ich zwei Flaschen Bier trinken.“ Er postierte dann später seinen Schlafplatz im Zelt direkt neben das des Opfers: „Er hat mich nachts unter dem Schlafsack unsittlich angefasst und berührt.“ Als junges Mädchen war sie mit der Situation völlig überfordert: „Ich habe es nicht gewagt, zu schreien.“

„“Ich habe es nicht gewagt, zu schreien.“ “Opfer sexueller Gewalt

Der spätere Diakon leitete zudem den Kirchenchor der Gemeinde, in dem die Schülerin wie viele ihrer Freundinnen sang. Der Täter fing an, ihr eine „ganze Serie von Briefen“ zu schreiben. Darin wiederholte der erwachsene Mann immer wieder, wie „toll“ er sie finde. Er könne sich sogar vorstellen, mit ihr durchzubrennen. 

Diverse sexuelle Übergriffe

Als sie sich in der Clique mit anderen Mädchen aber auch Jungen traf, habe er ihr den Kontakt zu Jungen verboten: „Er ist mir hinterhergefahren und hat mich überwacht.“ Anfangs fühlte sie sich sogar „geschmeichelt“, dass ein „erwachsener und studierter Mann“ ihr den Hof machte. Seine sexuellen Übergriffe nahmen indes zu. Dabei lauerte er ihr auf. So stand er unangekündigt vor der Schule oder drängte sie direkt nach den Chorproben, in sein Auto einzusteigen. Mehrfach fuhr er im Anschluss mit ihr in den Wald. Dort habe er sie unsittlich angefasst und onaniert. 

Selbst in der Kirche stand sie unter Beobachtung. Wenn er die Orgel spielte, musste sie sich auf einen bestimmten Platz setzen, damit er sie stets im Blick hatte. „Während der Kommunion spielte er dann ein bestimmtes Lied immer nur für mich.“ Ihr Peiniger habe fast immer gewusst, wo sie gerade war. Wenn der Täter an dem Haus des Mädchens vorbeifuhr, hupte er dreimal, zudem rief er permanent bei der Familie an und ließ es nur einmal klingeln: „Ich sollte wissen, dass er immer an mich denkt.“ Selbst die Ziffern seines Autokennzeichens gaben Geburtsmonat und Jahr des Mädchens wieder. 

Täter schutzlos ausgeliefert

Doch es kam noch schlimmer. Er wurde sogar der Nachhilfelehrer seines Opfers. Er ging im Hause ihrer Familie ein und aus. Selbst in ihrem Kinderzimmer war sie ihm hilflos ausgeliefert. Die Schutzlosigkeit seines Opfers nutzte er immer schamloser aus: „Er massierte während des Nachhilfeunterrichtes meine Brüste.“ Die sexuellen Übergriffe wurden immer massiver: Sie musste an sein Glied fassen. Er drang mit dem Finger in ihren Vaginalbereich ein.  

Und obwohl der Mann inzwischen geheiratet hatte, vergriff er sich weiter an der Jugendlichen. Sie hatte ihren Eltern bis dato nichts von den sexuellen Übergriffen erzählt. Aber dann fand ihre Mutter die Briefe des Lehrers. Dies hinderte den Täter aber nicht, bei den Eltern um die Hand der damals minderjährigen 17-Jährigen  anzuhalten. „Meine Eltern stellten ihn zur Rede. Er bekam einen Tobsuchtsanfall.“ Die Eltern warfen ihn aus dem Haus und erteilten ihm Hausverbot. 

„“Das Schlimmste ist. Ich fühlte mich weiter schuldig.““49-Jährige

Die Mutter brachte die Tochter für ein paar Tage bei einer Verwandten in einem anderen Ort unter. „Das Schlimmste ist. Ich fühlte mich weiter schuldig.“ Er habe immer wieder damit gedroht, dass er gegen einen Baum fahre, wenn sie ihn verlasse. „Ich habe meine Abhängigkeit damals einfach nicht erkannt“, so die heute 49-Jährige. Sie sei „kindlich naiv, gutgläubig, überfordert und unwissend“ gewesen.   

Blumen zum Geburtstag

Dabei war die Tortur  nach ihrer Rückkehr keinesfalls zu Ende. „Er hupte weiter vor unserem Haus, rief bei uns an, und spielte in der Kirche weiter das bewusste Lied.“ Und nicht nur das: Zu ihrem Geburtstag schickte er ihr sogar per Fleurop jedes Jahr Blumen. Sie habe sogar am Telefon hin und wieder mit ihm gesprochen. Ihre Schuldgefühlte wurden nur noch größer: „Ich habe mir eingeredet, du musst das aushalten, du hast eine Mitschuld.“ Ohnmacht und Hilflosigkeit hatten längst die Oberhand über ihre Gedanken gewonnen.

Damals konnte sie noch nicht wissen, wie sehr die tiefen seelischen Narben ihr späteres Leben bestimmen sollten. 

Missbrauchsopfer sexueller Gewalt

Nach dem Abitur absolvierte sie zuerst ein Freiwilliges Soziales Jahr ausgerechnet beim Bistum, wenn auch in Hamburg. Das brach sie frühzeitig ab. „Schon damals hat mich das Bistum wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen.“ Nach einem Zusammenbruch kam sie erstmals in eine psychiatrische Klinik. Als sie sich einem Mitpatienten anvertraute, habe der ihr erstmals klar gemacht, dass „ich ein Missbrauchsopfer sexueller Gewalt“ bin. Es folgten im Laufe ihres Lebens immer wieder Therapien und stationäre Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken. 

Umso bemerkenswerter ihr beruflicher und vor allen Dingen persönlicher Werdegang: Nach dem Lehramtsstudium arbeitete sie an mehreren Stationen als Lehrerin. Sie heiratete und bekam Kinder. Und trotzdem holten sie die traumatischen Erlebnisse ihrer Jugend immer wieder ein: „Vor acht Jahren erlitt ich einen totalen Zusammenbruch.“ Es schloss erneut ein längerer Klinikaufenthalt an. „Arbeiten ging nicht mehr.“ Sie ist seitdem dienstunfähig. Alle zwei Jahre erfolgt der Gang zum Amtsarzt. Heute engagiert sie sich stark ehrenamtlich, aber nicht in der Kirche. 

„“Ich bin nicht das einzige Opfer dieses Mannes““49-Jährige

Dabei befürchtet sie, dass „ich nicht das einzige Opfer dieses Mannes bin“. Sie will sicher von mindestens einem weiteren Mädchen wissen. „Froh und stolz“ ist sie, dass sie vor einem Jahr den Mut aufbrachte und das direkte Gespräch mit der Anlaufstelle des Bistums Osnabrück wagte. Auf der anderen Seite habe es für den heutigen Diakon kaum Konsequenzen.  Er durfte zwar sein Amt als Diakon und Organist nicht weiter ausführen. Nur den wahren Grund für sein sofortiges Ausscheiden verschwieg das Bistum bis heute. Weder die Gremien (Kirchenvorstand/ Pfarrgemeinderat) noch die Gemeindemitglieder wurden darüber informiert. Sie zweifelt den ernsthaften Willen des Bistums, „durch Ehrlichkeit Transparenz“ zu schaffen, an. Dabei hatte man ihr zugesagt, dass „er sofort vom Dienst suspendiert wird“. Zudem sollte die Kirchengemeinde über den Pfarrbrief und eine Versammlung ausführlich über die Hintergründe informiert werden. Beides sei nicht wirklich geschehen. 

Bistum verschleiert alles

„Er wurde nur durch den Bischof in den Ruhestand versetzt“, so die 49-Jährige. Sie wirft dem Bistum weiter vor, „alles zu verschleiern“. 

Die Straftaten des Mannes sind verjährt. In einem Gespräch habe er gegenüber den Verantwortlichen des Bistums die Übergriffe aber immerhin zugegeben. Als Anerkennung für ihr „immaterielles Leid“ erhielt die Familienmutter inzwischen 5000 Euro vom Bistum, davon musste der Diakon ganze 2500 Euro zahlen. (Hier lesen Sie die Stellungnahme des Bistums zum Fall.)

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ZUSAMMENFASSUNG

Datum des Artikels19.02.2021
LandDeutschland
StadtMeppen
Bewährung 
Geschlecht des Betroffenenweiblich
Altes des Betroffenen14
Anzahl der Betroffenen1
Art der TatMissbrauch
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