Benedikt XVI. gilt gemeinhin als konsequenter Kämpfer gegen Missbrauch in der katholischen Kirche – bei näherem Hinsehen stimmt das nicht

Für den Kurienkardinal Joseph Ratzinger und späteren Papst hatte der Kampf gegen den Kindesmissbrauch nicht erste Priorität. Sein Agieren über drei Jahrzehnte hinweg ist gekennzeichnet durch Verzögern, Wegschauen und unterlassenes Handeln.

Wie schwer sich die katholische Kirche mit Aufklärung und Aufarbeitung von Kindesmissbrauch durch Kleriker tut, zeigt sich derzeit im Erzbistum Köln. Der Kardinal Rainer Maria Woelki spricht nach der Präsentation einer Studie zum Thema von «systembedingter Vertuschung» in seinem Bistum. Bis heute ist unklar, ob der Erzbischof auch selbst Missbrauchsfälle vertuscht hat.

Auf weltkirchlicher Ebene ist der zurückgetretene Papst Benedikt XVI. eine Schlüsselfigur in dem monströsen Missbrauchsskandal. Vor seinem vergleichsweise kurzen Pontifikat (2005–2013) amtete der heute 94-Jährige über zwei Jahrzehnte als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, die in der Römer Kurie für die Untersuchung von Missbrauchsfällen zuständig ist. Als Papst galt Benedikt vielen als konsequenter Kämpfer gegen Missbrauch. So wird angeführt, dass er sich als erster Pontifex mit Missbrauchsopfern traf und sich mehrmals öffentlich für durch Kleriker begangene Taten entschuldigte. Schon zuvor, als Chef einer der wichtigsten Dikasterien der Kurie, soll er sich still und konsequent gegen Missbrauch eingesetzt haben.

Der erste Fall des Präfekten

Doris Reisinger und Christoph Röhl haben in einem neuen Buch dieses Bild überprüft. Die Theologin und Autorin Reisinger kämpft seit längerem für mehr Transparenz innerhalb der Kirche und hat insbesondere auch auf das Schicksal missbrauchter Ordensfrauen aufmerksam gemacht. Der Regisseur Röhl hat sich 2019 in dem vielbeachteten Dokumentarfilm «Verteidiger des Glaubens» mit Benedikts Rolle im Missbrauchsskandal auseinandergesetzt. Seine Interviews dienen denn auch als Quelle für das Buch.

Ratzinger hatte bereits zu Beginn seiner Römer Zeit Anfang der achtziger Jahren mit Sexualtätern im Priesteramt zu tun. Die Autoren greifen etwa den Fall des kalifornischen Priesters Stephen Kiesle auf, der 1977/78 mehrere Buben zwischen elf und dreizehn Jahren missbraucht hatte und dafür zu drei Jahren auf Bewährung verurteilt worden war. Kiesle strebte eine Laisierung an, die Entpflichtung vom Priesteramt. Sein Vorgesetzter, der Bischof von Oakland, John Cummins, schrieb mehrmals an die Glaubenskongregation, wurde aber immer wieder vertröstet.

Viereinhalb Jahre nach seinem ersten Schreiben, im November 1985, antwortete Kardinal Ratzinger dem Bischof schliesslich, dass die Prüfung des Falls noch dauern werde. Auffällig ist, dass Ratzinger in dem Brief vom «Wohl des Bittstellers» und zweimal vom «Wohl der Gesamtkirche» spricht. Den Bischof bat er, dem Bittsteller «mit grösstmöglicher väterlicher Fürsorge» zur Seite zu stehen. Von den Opfern war an keiner Stelle die Rede, auch nicht von dem Umstand, dass durch die verzögerte Reaktion Roms der verurteilte Priester weiterhin im Amt war. Vielmehr gab Ratzinger zu bedenken, dass seine Behörde den Schaden nicht geringschätzen könne, den die Erteilung der Dispens unter den Gläubigen anrichten würde.

Reisinger und Röhl kommen zu dem Schluss, dass sich Ratzinger mit einem solchen Standardbrief ähnlich verhalten habe wie etwa im Fall eines heiratswilligen Priesters. Das Schreiben legt ihrer Ansicht nahe, dass sich Ratzinger kein Bild von den Auswirkungen des Falls auf das Bistum gemacht habe. Es dauerte über ein weiteres Jahr, bis Kiesle schliesslich laisiert wurde.

Stephen Kiesle war der erste Missbrauchsfall, mit dem sich Ratzinger in der Glaubenskongregation zu befassen hatte. Deutlich wird schon hier, das zeigen die Autoren des Buches überzeugend auf, wie der Kardinal und spätere Papst seine Aufgabe, Kirche und Glaube zu schützen, verstand. Es ging ihm um das Ansehen der Kirche, die er durch solche Fälle beschädigt sah, und er war besorgt um das Wohlergehen der Priester. Überhaupt sah Ratzinger den Glauben in einer Krise, die Lage der Kirche sei geprägt von Uneinigkeit bis hin zur Selbstzerstörung, wie er in dem Gesprächsband «Zur Lage des Glaubens» seinerzeit erläuterte.

Die Lehre der Kirche hat Vorrang

Reisinger und Röhl zeigen in ihrem Buch auf, dass der Umgang Ratzingers mit dem kalifornischen Sexualstraftäter keineswegs eine Ausnahme darstellte. Ratzingers Agieren in der Missbrauchskrise, ob als Kurienkardinal oder als Papst, ist vielmehr gekennzeichnet durch Verzögern, Wegschauen und unterlassenes Handeln – so der Befund, den die Autoren in einem umfangreichen Anmerkungsapparat mit fast ausschliesslich öffentlich zugänglichen Quellen belegen. Sie bieten in ihrem Buch so etwas wie eine Zusammenschau des Missbrauchsskandals seit den achtziger Jahren.

Wenn Ratzinger dagegen eine Gefahr für die offizielle Lehre der Kirche sah, konnte er Tatkraft zeigen. Aufsehen erregten seinerzeit seine Auseinandersetzungen mit fortschrittlichen Theologen wie Leonardo Boff, Charles Curran oder Eugen Drewermann. Die unterschiedlichen Vorgehensweisen des Kardinals bringen Reisinger und Röhl so auf den Punkt: «Ihm war die Morallehre einfach um einiges wichtiger als die Moral. Ratzinger war im Abstrakten zu Hause, das Konkrete liess er nicht an sich heran.» Ratzingers Wahlspruch «Cooperatores veritatis» (Mitarbeiter der Wahrheit), den er auch als Papst beibehielt, mag dies noch illustrieren: Entscheidend ist die Wahrheit, verkündet in der Lehre der Kirche, gegenüber dem Schicksal des Einzelnen ist sie das höhere Gut und geht immer vor.

Fatale Entwicklung

Benedikt XVI. traf sich dann im Jahr 2008 während eines USA-Besuchs mit Missbrauchsopfern. Die Autoren weisen darauf hin, dass die Missbrauchskrise damals bereits drei Jahrzehnte schwelte. Opfer wie Marie Collins, die zeitweise der päpstlichen Kinderschutzkommission angehörte, stellen zwar fest, dass Benedikt dem Thema mehr Aufmerksamkeit gegeben habe. Die Irin verweist aber auch darauf, dass in dieser Zeit der weltweite mediale Druck auf die Kirche mit immer neuen Missbrauchsfällen erheblich war.

Das Buch ist keine Abrechnung mit Ratzinger, den Autoren geht es nicht um Verurteilung. Sie versuchen, der Denk- und Vorgehensweise Ratzingers nachzugehen. Und sie konstatieren, dass sich diese auf die Missbrauchskrise fatal ausgewirkt habe. Diesem Befund kann man sich schwerlich entziehen.

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Datum des Artikels19.04.2021
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