Ein bekannter französischer Politologe soll seinen Stiefsohn missbraucht haben – nun gab es in seinem Umfeld erste Rücktritte

Die Affäre um Olivier Duhamel zieht seit Tagen in Frankreich Kreise. Im Zentrum steht die Frage, wer aus dem elitären Umfeld des Politologen von den Vorwürfen wusste. Zwei Personen haben nun ihre Ämter aufgeben.

Olivier Duhamel ist ein Mensch, der Einfluss hatte. Ein bekannter Politologe und Verfassungsrechtler aus einer angesehenen Familie, Sohn eines ehemaligen Ministers und früherer Europaabgeordneter der Sozialisten. Bis vor kurzem war er regelmässig zu Gast in Radio und Fernsehen und Vorsitzender von «Le Siècle», einem hochexklusiven Klub, in dem die Mächtigsten der Pariser Elite aus Politik, Wirtschaft und Medien verkehren. Zudem sass er jener Stiftung vor, die über die Finanzen der renommierten Pariser Hochschule Sciences Po bestimmt.

Doch seit mehr als einer Woche steht der 70-jährige Duhamel aus anderen Gründen in den Schlagzeilen. Er soll Ende der 1980er Jahre seinen damals jugendlichen Stiefsohn regelmässig sexuell missbraucht haben. Das wirft seine Stieftochter Camille Kouchner, die Zwillingsschwester des mutmasslichen Opfers, Duhamel vor. In ihrem Buch «La familia grande», das letzte Woche in Frankreich erschienen ist, beschreibt die 45-jährige Anwältin einen Kindsmissbrauch, über den jahrelang geschwiegen worden sei.

Kouchners Bruder, dem die Autorin im Buch den Namen «Viktor» gegeben hat, äusserte sich nur knapp zu den Enthüllungen. «Ich bestätige, dass das, was meine Schwester über Olivier Duhamels Verhalten mir gegenüber geschrieben hat, korrekt ist», sagte er gegenüber «Le Monde». Duhamel trat vergangene Woche wegen der Vorwürfe von all seinen Funktionen zurück. «Da ich persönlich angegriffen werde und die Institutionen, für die ich arbeite, schützen möchte, beende ich meine Tätigkeiten», schrieb er in einem Tweet. Auch wenn die mutmasslichen Taten wohl verjährt sind, hat die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Vergewaltigung und des sexuellen Missbrauchs Ermittlungen aufgenommen.

Eine Omertà innerhalb der Elite?

Die Affäre zieht Kreise. Denn Kouchners Buch handelt nicht nur von einem einflussreichen Mann, der sich des Missbrauchs schuldig gemacht haben soll. Es beschreibt ein eingeschworenes Milieu von Intellektuellen und Politikern, einer Machtclique der linken Pariser Bourgeoisie. Jeden Sommer kamen die Mitglieder dieser «familia grande» in den 1980ern in Duhamels Ferienhaus im südfranzösischen Sanary-sur-Mer zusammen. Laut der Autorin wussten viele über das Verhalten ihres Stiefvaters Bescheid.

Die Mutter der Zwillinge, die 2017 verstorbene Evelyne Pisier, die in ihren jungen Jahren die Geliebte des kubanischen Revolutionsführers Fidel Castro war, soll ihren Mann Duhamel in Schutz genommen haben. «Er bereut es» oder «Olivier hat nachgedacht (. . .), du musst schon über 15 gewesen sein», soll sie gesagt haben, nachdem ihre Kinder ihr 2008 von dem mutmasslichen Missbrauch erzählt hatten.

Auch der Vater, der berühmte Mediziner Bernard Kouchner, Mitgründer der Hilfsorganisation Médecins Sans Frontières und zwischen 2007 und 2010 französischer Aussenminister, ging auf Bitten seines Sohns nicht an die Öffentlichkeit. Er soll zwar gedroht haben, Duhamel zu verprügeln, als er kurz nach Pisier eingeweiht wurde, habe sich von seinen Kindern aber davon abbringen lassen. Nach den Enthüllungen vergangene Woche gratulierte er seiner Tochter zu deren Mut.

Die Affäre löst erste Rücktritte aus

Seither beschäftigt Frankreich die Frage, wer aus dem mächtigen Umfeld der Familie noch im Bilde war – und Duhamel womöglich gedeckt hat. Die Enthüllungen haben bereits zu ersten Rücktritten geführt. Die ehemalige sozialistische Justizministerin Elisabeth Guigou legte am Mittwoch ihren Posten als Vorsitzende einer erst kürzlich geschaffenen unabhängigen Kommission zur Untersuchung von Inzest und sexueller Gewalt an Kindern nieder. Guigou war öfter in Duhamels Sommerhaus zu Gast gewesen. Sie beteuert zwar, bis vergangene Woche nichts von den Vorwürfen gewusst zu haben. Im derzeitigen Klima sei ihr aber nicht wohl dabei, die Mission weiterzuführen, erklärte sie.

Der Präfekt der Region Ile-de-France, Marc Guillaume, trat ebenfalls von all jenen Ämtern zurück, bei denen er mit dem Politologen zu tun hatte: Er verliess die politikwissenschaftliche Zeitschrift «Pouvoirs», die er mit Duhamel geleitet hatte, und den Klub «Le Siècle». Zudem trat er aus dem Verwaltungsrat der Fondation nationale des sciences politiques aus, jener Stiftung, die über die Finanzen und das Management von Sciences Po entscheidet. Duhamel, der jahrelang an der Hochschule unterrichtet hatte und dort grossen Einfluss genoss, stand der Stiftung seit 2016 vor. Von den Missbrauchsanschuldigungen will auch Guillaume nichts gewusst haben. Er betrachte sich als verraten, erklärte er.

Sciences-Po-Direktor kannte die Vorwürfe

Der Direktor von Sciences Po, Frédéric Mion, kann hingegen nicht mehr von Unwissenheit sprechen. Er sagte zwar zu Beginn, er sei über die Enthüllung verblüfft. Schnell wurde aber bekannt, dass er schon vor mehr als zwei Jahren von den Vorwürfen gegen Duhamel erfahren hatte – von der ehemaligen Kulturministerin Aurélie Filippetti. Nachdem ihm ein Anwalt, der die Familie Duhamel gut kannte, versichert habe, dass an den Gerüchten nichts dran sei, habe er es darauf beruhen lassen, gab Mion gegenüber «Le Monde» zu. Studenten forderten darauf seinen Rücktritt. Bis anhin will Mion davon aber nichts wissen.

Die Affäre um Olivier Duhamel ist der jüngste von mehreren Skandalen über Pädophilie und sexuellen Missbrauch, die in Frankreich in den letzten Jahren ans Licht gekommen sind. Dass in dieser Frage in Kreisen der sogenannten «befreiten» Linken lange eine gewisse Toleranz herrschte, zeigte vergangenes Jahr der Fall Gabriel Matzneff. Der heute 84-jährige Schriftsteller hatte in den 1970er und 1980er Jahren über die Vorzüge des Verkehrs mit Minderjährigen geschrieben.

Doch erst als eines seiner mutmasslichen Opfer im Januar 2020 ein Buch über die sexuelle Beziehung veröffentlichte, in die es als 14-jähriges Mädchen mit dem Schriftsteller geraten war, löste dies in Frankreich eine Welle der Entrüstung aus. Einen von Matzneff verfassten Aufruf, Pädophilen Straffreiheit zu gewähren, unterzeichnete 1977 neben Simone de Beauvoir oder Daniel Cohn-Bendit auch der Mediziner Bernard Kouchner. Etwas, von dem er heute sagt, dass er es sehr bereue.

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Datum des Artikels15.01.2021
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