GESUCHTE TÄTERKINDESMISSBRAUCH

Missbrauch im Sport in Südafrika »Das Gift ist definitiv immer noch vorhanden«

Missbrauchsvorwürfe im Schwimmen rütteln den Sport in Südafrika auf. Fünf Frauen sind sich sicher, dass das Problem noch viel größer ist.

29.11.2020, 16.04 Uhr

»Der einzige Grund, warum ich heute emotional bin, ist, dass mir endlich jemand zuhört, das mich endlich jemand hört.« Diesen Satz sagte Debbie Wade dieser Tage bei einer Pressekonferenz in Johannesburg. Sie war dort zusammen mit Experten der Hilfsorganisation Women and Men against Child Abuse (WMACA), um ihre Geschichte zu erzählen. Nicht zum ersten Mal. Nur hatte sie in den vergangenen 40 Jahren eben niemand hören wollen.

Und so erzählt die 51-Jährige nun, dass sie als junges Mädchen sexuell missbraucht worden sei. Es begann demnach 1979 in einem Schwimmclub in Durban. Damals war sie zehn Jahre alt. Der mutmaßliche Täter: der damals 13-jährige Sohn ihrer Trainerin, selbst Schwimmer und aufgehender Stern. Wade weiß von mindestens drei weiteren Frauen, die ähnliche Vorwürfe erheben. Mit einer weiteren Frau hat Wade nun Anzeige erstattet, gegen jenen Mann, der seither bis in höchste Trainerpositionen aufgestiegen ist. Tatsächlich sind ihre Anschuldigungen Teil von Ermittlungen gegen drei Trainer.

»Niemand hat mich ernst genommen«

Wades Kampf um Gehör begann, als sie 2003 von zwei weiteren Opfern erfuhr. Sie wusste: »Hier geht es nicht nur um mich. Hier geht es um die Tatsache, dass ich 24 Jahre später hören musste, dass diese Person weiterhin andere Mädchen missbrauchte.« Wade wandte sich an den Präsidenten des Schwimmklubs. Ron Andrews habe gesagt, das überrasche ihn nicht, es habe viele Beschwerden über den Beschuldigten gegeben, aber keine Beweise. Ob sie denn Beweise habe? »Das war das Ende der Diskussion. Er meldete sich nie wieder bei mir.«

Anschließend habe sie einen Brief an den Beschuldigten geschrieben, ihn angefleht, mit seinen Übergriffen aufzuhören. Über eine dritte Person habe sie dann erfahren, dass der Beschuldigte die Vorwürfe zurückgewiesen habe mit den Worten, sie hätten eine einvernehmliche Beziehung gehabt. Immer wieder habe sie ihre Geschichte über die Jahre erzählt, »aber niemand hat mich je ernst genommen. Sie glaubten lieber Mr X.«

Im Juli dieses Jahres versuchte sie es erneut, ging direkt zum Präsidenten von Swimming South Africa. Alan Fritz kündigte eine unabhängige Untersuchung an. Da sie selbst auch Monate später nichts von Fritz gehört habe, wandte Wade sich vergangenen Monat an WMACA. Zuerst hatte der »Guardian« über die Vorwürfe berichtet. 

Für Doppelolympiasiegerin Penny Heyns, die 1996 in Atlanta zwei Goldmedaillen gewonnen hatte, ist dieser Fall nur ein weiteres Beispiel dafür, dass es sich bei Missbrauch im Sport eben nicht um Einzelfälle handelt – und dass auch der Sport in Südafrika Probleme hat.

»Ich kann nicht sagen, dass ich überrascht war, als ich von den jüngsten Anschuldigungen im Schwimmen hörte. Wenn du im Sport aufwächst, hörst du Gerüchte, und in letzter Zeit haben wir gesehen, dass dies ein weltweites Problem ist«, sagte der ehemalige Schwimmstar dem SPIEGEL. »Die Turnerinnen in den USA, das Nationalteam der Frauen in Afghanistan, der Selbstmord der südkoreanischen Triathletin Choi Suk-hyeon: Es hat überall Fälle gegeben, und wir sitzen hier an der Südspitze Afrikas und denken, dass es uns gut geht. Ich denke, das zeigt, dass es uns nicht gut geht.«

Zusammen mit vier weiteren Frauen aus dem Sport – einer ehemaligen Sportlerin, zwei Trainerinnen und einer Verbandspräsidentin – gründete die 46-Jährige Sports Voice. Eine sichere Anlaufstelle für Survivor, wie sich viele Betroffene in Abgrenzung zum Opferbegriff nennen, ebenso wie für aktuell Betroffene von körperlichem, psychischem oder sexuellem Missbrauch.

Südafrika hat eine der höchsten Raten bei geschlechtsspezifischer Gewalt weltweit, speziell gegen Frauen und Kinder. Die letzte offizielle Kriminalstatistik (2015/16) weist 42.596 Fälle von Vergewaltigung aus. Die Dunkelziffer ist wohl noch viel höher. Die patriarchalische Prägung der Gesellschaft sorgt auch heute noch dafür, dass Frauen und Mädchen als nicht gleichwertig betrachtet werden.

Zwar habe es auch in Südafrika ein paar positive Veränderungen gegeben, etwa mit Gerichten, die sich speziell um diese Fälle kümmern. Auch, dass Südafrikas Regierung seit der Wahl im vergangenen Jahr zur Hälfte aus Frauen bestehe, trage dazu bei, dass endlich auch Themen, die Frauen direkt betreffen, in den Fokus rücken. »Aber das Gift in unserer Gesellschaft ist definitiv immer noch vorhanden. Und es schwappt auch auf den Sport über«, sagt Heyns.

Hinzu komme, dass das Vertrauen in die Polizei durch Berichte über Schuldzuweisungen oder Bagatellisierung speziell bei Gewalt gegen Frauen und Mädchen nicht gerade hoch sei. Anzeigen hätten oft keine Folgen für die Täter. Das sei im Sport nicht anders gewesen: »Ich würde nicht sagen, dass sie absichtlich vertuscht wurden, aber sie wurden auch nicht vorangebracht«, sagt Heyns. »Und selbst die, die zur Polizei gehen, treffen oft auf Beamte, die nicht richtig ausgebildet sind, oder eben einfach diese Einstellung haben, dass man nicht genug Beweise hat.«

Auch Wade erzählte auf der Pressekonferenz von einem ähnlichen Erlebnis, als sie sich 2004 erstmals an die Behörden gewandt habe. Dass sie nun, 40 Jahre nach den beschriebenen Vorfällen in jenem Schwimmverein in Durban, Anzeige erstatten konnte, liegt auch daran, dass kürzlich die Verjährungsfrist von 20 Jahren für Sexualstraftaten in Südafrika aufgehoben wurde.

Athleten nur Mittel zum Zweck

»Sports Voice« will helfen, aufklären, weiterbilden. »Viele Trainer denken auch heute noch, sie müssen hart, ihre Methoden gefürchtet sein«, sagt Heyns. Dabei müssten sie sich fragen: Warum will ich ein Trainer sein? Tue ich das, weil ich einen gesunden Menschen entwickeln und ihm helfen möchte, sein volles Potenzial zu entfalten? Oder coache ich, weil ich für mich etwas erreichen will? »Wenn es Letzteres ist, dann sind die Athleten für den Coach nur Mittel zum Zweck. Leider sind noch viel zu viele von dieser Sorte im Einsatz.«

»Der Modus operandi vieler Trainer besteht darin, das Kind zu brechen, damit sie es aufbauen können«

Sports Voice hat zudem mit Expertinnen ein allgemeingültiges Konzept zum Schutz vor sexualisierter Gewalt im Sport entwickelt, dass mit nur wenigen Anpassungen für jeden Verband nutzbar ist. Denn: Bisher habe kaum ein Sportverband in Südafrika solche Konzepte. Auch auf der Homepage des Schwimmverbands ist nicht einmal das zu finden.

»Wir wollten eine schlüsselfertige Lösung schaffen, sodass die Sportverbände keine Ausrede mehr haben. Dass es Richtlinien gibt, für Ausbildung, sichere Meldemöglichkeiten, ein Netzwerk zur Unterstützung. Wir sind es der Jugend von heute schuldig, ihnen ein sicheres Umfeld zu bieten.« Damit es nicht erneut 40 Jahre dauert, bis jemand zuhört.

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