KINDESMISSBRAUCHKIRCHENMITGLIEDERLaufendes Ermittlungsverfahren

Missbrauchsfälle in Otzberg kommen ans Licht

In der katholischen Gemeinde in Hering wurden vor Jahrzehnten Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht. Ein katholischer Pfarrer möchte die Missbrauchsopfer nun unterstützen.

OTZBERG – Wie viele Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht wurden, ist nicht bekannt. Die Fälle sollen sich zwischen 1955 und 1987 ereignet haben, als der damalige katholische Pfarrer Lorenz Dickescheid in der Pfarrei Hering mit Lengfeld und Wiebelsbach tätig war. Was genau vorgefallen ist, darüber will das Bistum Mainz auf Anfrage dieser Zeitung keine Auskunft geben. Der Generalvikar, Dr. Udo Bentz, bestätigt aber, dass es sexuellen Missbrauch in Otzberg gegeben habe. Das Bistum habe eine Akte über die Geschehnisse von damals. Es arbeitet die Vorfälle derzeit im Rahmen des Aufklärungsprojekts „Erfahren. Verstehen. Vorsorgen.“ auf. Zahlreiche Fälle in katholischen Gemeinden bundesweit werden in diesem Projekt untersucht. Gemeinsam mit dem Pfarrer Frank Blumers von der Pfarrei Otzberg hat das Bistum Mainz jetzt den Missbrauch in Otzberg von damals öffentlich gemacht.

Dickescheid gab Anschuldigungen zu

Sowohl auf der Homepage des Bistums als auch im Pfarrbrief der Pfarrgruppe Otzberg ist zu lesen, dass der 2001 verstorbene Lorenz Dickescheid die Anschuldigungen zugegeben habe, nachdem sich 1993 Betroffene an das Bistum gewandt hätten. Dickescheid wurde vom Bistum auferlegt, Lengfeld zu verlassen und nicht mehr seelsorgerisch tätig zu sein, schreibt das Bistum. Seine letzten Jahre verbrachte er nach Recherchen dieser Zeitung in Dromersheim und Gau-Algesheim.

Fast 30 Jahre, nachdem das Bistum von den Vorfällen erfahren hat, sollen Betroffene nun Hilfe bekommen. Das Bistum hat den Regensburger Rechtsanwalt Ulrich Weber für eine unabhängige Aufarbeitung beauftragt. Weber hat unter anderem die Missbrauchsfälle bei den Regensburger Domspatzen aufgearbeitet. Direkt und indirekt Betroffene der Übergriffe durch Pfarrer Dickescheid haben die Möglichkeit, mit Weber, unter strikter Wahrung der Vertraulichkeit, in Verbindung zu treten. Diese Möglichkeit hätten bereits mehrere Otzberger genutzt. „Es haben sich in den vergangenen Wochen mehrere Betroffene gemeldet. Die Fälle werden aufgearbeitet“, sagte Rechtsanwalt Weber gegenüber dieser Zeitung. Weitere Auskünfte wollte er nicht geben.

Teil des Aufklärungsprojekts des Bistums

Dass die Vorfälle in Otzberg Teil des Aufklärungsprojekts des Bistums sind, diesen Stein hat auch Frank Blumers ins Rollen gebracht. Der 36 Jahre alte Pfarrer ist seit gut einem Jahr in der Pfarrgruppe Otzberg tätig. Und fast von Anfang an habe er immer wieder von Mitgliedern der Kirchengemeinde gehört, dass Dickescheid während seiner Zeit als Pfarrer in Otzberg junge Mitglieder der katholischen Gemeinde sexuell missbraucht habe. Die Kinder und Jugendlichen von damals sind heute Ende Vierzig und älter.

„Ich habe das Thema im Pfarrgemeinderat angesprochen und wir waren uns einig, dass wir Genaueres darüber wissen wollen. Wir als Kirche müssen dazu stehen, was gewesen ist“. Blumers hat kurz nach Beginn seiner Amtszeit das Foto Dickescheids im Pfarrzentrum abgehängt. Dies führe seitdem zu unterschiedlichen Reaktionen. „Manche bedanken sich und sagen ‚Gut, dass Sie das gemacht haben‘. Andere, denen ich die Hintergründe erkläre, reagieren erstaunt. Denn Dickescheid war ein sehr beliebter Pfarrer“, sagt Blumers. „Lasst doch die alten Geschichten“ – Auch das höre er immer wieder.

Termin musste wegen Corona verschoben werden

Schon vor mehr als einem Jahr habe der Pfarrgemeinderat Generalvikar Bentz und den Interventionsbeauftragten des Bistums für sexualisierte Gewalt, Wolfgang Kadau, eingeladen, um alle Fakten und Informationen über die Geschehnisse zu erfahren. Doch wegen Corona kam der Termin erst vor einigen Wochen zustande. Der Generalvikar habe über die dem Bistum bekannten Fälle berichtet, ohne Namen der Betroffenen zu nennen. Unklar sei, ob damals die Staatsanwaltschaft informiert wurde, da dies nicht aus der Aktenlage des Bistums hervorgehe, heißt es aus der Pressestelle des Bistums.

Jetzt sollen die Betroffenen Entschädigung bekommen, sagt Blumers. Wichtig sei, dass sie gehört würden. „Da wurden Menschen, Glaube zerstört. Wer darüber reden will und kann, der soll das tun können“, sagt Blumers.

Im Rahmen der Missbrauchsstudie der deutschen Bischofskonferenz von 2018 seien die Akten an die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt übergeben worden. Von dort aus wurden sie an die zuständigen Staatsanwaltschaften weitergeleitet, im Fall Dickescheids nach Darmstadt. Dort liegt jedoch keine Akte über die Vorfälle in Otzberg vor. Laut Oberstaatsanwalt Robert Hartmann müssen Vorgänge gelöscht werden, wenn die Fälle sehr weit zurückliegen. Auch könne gegen Verstorbene kein Ermittlungsverfahren eingeleitet werden.Das Bistum bietet auf seiner Homepage Anlaufstellen für Betroffene an.

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