GESUCHTE TÄTERKINDESMISSBRAUCHLaufendes Gerichtsverfahren

Sexueller Missbrauch in Tübingen Jahrelang die eigenen Pflegekinder missbraucht?

Von Christian Gampert

Harry S. soll seine beiden Pflegetöchter jahrelang sexuell schwer missbraucht haben. Beim Prozess am Tübinger Landgericht wird auch das Vorgehen des Jugendamts kritisch beleuchtet. 

25.02.2021 – 17:56 Uhr 

Tübingen – Am Mittwoch, als die Plädoyers im Tübinger Landgericht gehalten werden sollen, ist der Angeklagte plötzlich verschwunden. Harry S., der jahrelang seine beiden Pflegetöchter missbraucht haben soll, habe offenbar in der Nacht sein Haus verlassen und persönliche Gegenstände zurückgelassen, sagt sein Anwalt am Morgen im Saal. Der Angeklagte war nicht in Untersuchungshaft und während des Prozesses auf freiem Fuß. Die Polizei sucht nach ihm, stundenlang kreist ein Hubschrauber über der Stadt. Doch von Harry S. fehlt bisher jede Spur. Man überprüfe alle Anhaltspunkte, heißt es von der Polizei. Dazu gehört auch die Möglichkeit, dass sich Harry S. das Leben genommen hat.

Die Tragödie begann 2005, als Maria K.* ihre damals sechsjährige Tochter Anna in eine familiäre Tagesbetreuung gab. Die Kita des Mädchens machte eine Mittagspause, die Mutter konnte wegen ihrer Arbeitszeiten das Kind nicht für zwei Stunden zu sich holen und dann nachmittags wieder bringen. Zudem zog sich Anna in der Kita oft zurück und wirkte ängstlich – vielleicht eine Folge davon, dass es bei der Trennung ihrer Eltern zu gewalttätigen Szenen gekommen war.

Das Jugendamt vermittelte eine Tagespflege in einem Dorf in der Nähe von Tübingen. Annas Gasteltern, Ute und Harry S., stellten Maria K. schon nach kurzer Zeit vor die Wahl, die Betreuung zu beenden oder das Kind bei ihnen in eine sogenannte Vollzeitpflege zu geben – die Tagespflege war offenbar nicht lukrativ genug. Die Mutter, die das Kind tagsüber nicht beaufsichtigen konnte und beruflich Fuß fassen musste, stimmte zu. 

Zu wenig Pflegefamilien

Somit kam Anna 2006 auf Vorschlag des Jugendamts als Pflegekind in die Familie S. Nach kurzer Zeit kamen zwei weitere Pflegekinder hinzu, deren Eltern zu dieser Zeit im Drogenmilieu lebten: die fünfjährige Valerie M. und ihr sechsmonatiger Halbbruder Martin. Neben diesen schon damals psychisch beeinträchtigten Pflegekindern hatte die Familie zeitweise noch weitere Kinder aus der Nachbarschaft in Tagesbetreuung, außerdem hatte das Ehepaar S. zwei eigene Kinder.

Zur Vorbereitung auf ihre Aufgaben hatte die Pflegemutter Ute S. einige Wochenendkurse besucht, der Vater Harry S. arbeitete als Elektriker. Die Anklage gegen den 65-Jährigen lautet auf schweren Missbrauch seiner beiden Pflegetöchter. Außerdem soll er rund 300 kinderpornografische Bilder und Filme besessen haben, auf denen bisweilen auch seine beiden Schutzbefohlenen zu sehen waren. 

Auf die Frage des Richters Armin Ernst, wieso man der gänzlich unerfahrenen Pflegefamilie gleich drei hochproblematische Kinder anvertraute, antwortet der Tübinger Jugendamtsleiter Bernd Hillebrand im Prozess mit entwaffnender Offenheit: Man habe das dem Ehepaar S. halt zugetraut – und außerdem gebe es nicht viele Pflegefamilien.

Eine Zugschaffnerin hilft 

Harry S. ist ein unscheinbarer Mann. Er sei nicht schuldig, so viel sagt er, ansonsten werde er sich zu den Vorwürfen nicht äußern. Seine Frau Ute, die als Zeugin vor Gericht aussagt, hat von der sexuellen Nötigung angeblich nichts bemerkt. 

Der jahrelange Missbrauch soll sich ab etwa 2011 ereignet haben, da war die jüngere Pflegetochter Valerie zehn Jahre alt. Mehrfach versuchte sie, aus der Pflegefamilie wegzulaufen, kehrte aber immer wieder zurück, weil sie ihren jüngeren Halbbruder Martin dort nicht im Stich lassen wollte. Als sie 2017 einen erneuten Ausbruchsversuch unternahm, wurde sie von einer Zugschaffnerin beim Schwarzfahren ertappt. Offenbar ahnte die Kontrolleurin, in welchen Nöten die damals 16-Jährige steckte, denn sie riet Valerie, sich ans Jugendamt zu wenden. Damit kam der Stein ins Rollen.

Der Vorsitzende Richter Armin Ernst führt die Verhandlung mit schwäbischer Gründlichkeit. In den Zeugenaussagen wird nach und nach die Lebenstragödie zweier Mädchen sichtbar, die von den Behörden jahrelang alleingelassen wurden und in einer repressiven Gastfamilie ausharren mussten. 

Schläge und Sprechverbote

Die Ältere, Anna, landete in der Jugendpsychiatrie und lebt heute in einem Heim bei Dresden. Die Jüngere, Valerie, hat das Desaster etwas besser überstanden und macht eine Ausbildung. Ihr jüngerer Bruder Martin lebte bis vor Kurzem noch in der Pflegefamilie, unter einem Dach mit dem mutmaßlichen Vergewaltiger seiner Schwester.

Vor Gericht wurde eine Audiodatei abgespielt, in der Valerie ihr Leben in der Pflegefamilie schildert. Weitere Zeugen-Einlassungen und nichtöffentliche Aussagen beider Mädchen, die von der psychiatrischen Gutachterin resümiert werden, verdichten sich zu folgendem Bild: Es gab in der Familie Schläge, Sprechverbote und viele Einschränkungen. Die Pflegemutter Ute S., eine resolute und selbstbewusste Frau, hat alles kontrolliert. Freundschaften mit anderen Kindern waren nicht erlaubt. Die Pflegekinder durften ihre Zimmer nur zum Schlafen betreten und mussten meist in der Küche sitzen und häkeln. Keine Geburtstagsfeiern, keine Weihnachtsgeschenke. 

Valerie erzählte, ihr Pflegevater habe sie regelmäßig belästigt – meist, wenn die Pflegemutter beim Einkaufen war. Die sexuellen Aktivitäten im Büro, die mit dem Codewort „Antreten!“ begannen, führten von Berührungen und Streicheln bis zu verschiedenen Formen des Verkehrs. Anna, die ältere Pflegetochter, schilderte Ähnliches. Als die Pflegemutter einmal unerwartet früh vom Einkaufen kam, kommentierte sie die hochgerutschten Röcke der Kinder mit den Worten: „Ihr seid selber schuld, wenn ihr euch das gefallen lasst.“ Die psychiatrische Sachverständige hält die Aussagen der Mädchen nach der Analyse von Erlebnis-Details und der Abwägung von Sekundärmotiven (Wollen sie sich rächen? Wollten die nur weg?) für glaubwürdig.

Die Rolle des Jugendamts

Der Prozess nimmt mit der Zeugenaussage der Diplompsychologin Heidrun Overberg dann eine Wendung: Im Fokus steht auf einmal das Tübinger Jugendamt. Overberg hatte mit der älteren Pflegetochter Anna 2009 eine Therapie begonnen, da war das Kind zehn Jahre alt. Sofort fiel ihr auf, dass das Mädchen unter tiefer Traurigkeit und massiven Ängsten litt. Overberg beschreibt weiter: Rückzug, Schweigen, Schuldgefühle, Weinen, Verkrampftheit, Starre, vor allem in Gegenwart der Pflegemutter. 

Die Psychologin diagnostiziert zunächst ein Asperger-Syndrom, also eine autistische Kommunikationsstörung bei normal ausgeprägter Intelligenz. Der Rückzug und die Verschüchterung von Anna scheinen ihr aber auf noch anderes, auf eine emotionale, vielleicht auch physische Misshandlung hinzudeuten – über die das Kind aufgrund seines Autismus nicht sprechen kann. 

Overberg nimmt Kontakt mit dem Leiter des Tübinger Jugendamts auf, auf dessen Vorschlag das Mädchen ja zur Therapie kommt, und schlägt Alarm: Hier sei ein Kind in großer Not, mit der Pflegefamilie sei etwas nicht in Ordnung. Obwohl Overberg den Jugendamtsleiter Bernd Hillebrand aus jahrelanger Zusammenarbeit kennt, verhält der sich, so sagt sie vor Gericht, „abweisend und distanziert“. Und die Pflegemutter Ute S. bricht im Sommer 2010 eigenmächtig Annas Therapie ab.

Der Konflikt eskaliert

Es folgt ein Kampf zwischen der Therapeutin, die das Kind nicht allein lassen will, und dem Jugendamt, das ein Interesse an einer gesicherten Unterbringung des Kindes hat und auf die Pflegefamilie nichts kommen lässt. Es zählt auch nichts, dass Maria K., Annas leibliche Mutter, um eine Weiterführung der Therapie bittet und um eine Schulbegleitung ihrer Tochter. Beides wird vom Jugendamt abgelehnt. 

Der Jugendamtsleiter warnt Overberg, so sagt sie, „Nachforschungen anzustellen“ – fordert sie aber auf, sich zu dem Fall schriftlich zu äußern. Die im November 2010 von der Psychologin eingereichte Dokumentation schickt er ungelesen zurück, die damalige Sozialdezernentin Ulrike Dimmler-Trumpp schreibt an Overberg, sie solle „ein gelingendes Pflegeverhältnis nicht stören“.

Im Jahr 2011 versucht Annas leibliche Mutter Maria K., die weiterhin das Sorgerecht hat, ihre Tochter aus der Pflegefamilie herauszuholen und zu sich zu nehmen. Die Pflegefamilie, die mit ihren drei Pflegekindern einen großen Teil ihres Einkommens erwirtschaftet, möchte das nicht. 

Die Folgen eines Gutachtens

In der Folge wird der Tübinger Jugendpsychiater Gunter Klosinski vom Familiengericht mit einem Gutachten beauftragt. Er lädt Anna und die Pflegeeltern zu Interaktionsbeobachtungen und projektiven Tests ein und spricht auch mit der leiblichen Mutter. Das Gutachten wird anderthalb Stunden lang vor Gericht verlesen: Klosinski empfiehlt, Anna möge in der Pflegefamilie bleiben, weil dies ihrem Wohl und ihrem eigenen Wunsch entspreche. Die Familie sei erziehungsfähig. Er kommt nicht auf den Gedanken, dass die verschüchterte Anna von den Pflegeeltern manipuliert sein könnte. Klosinski sagt aber auch, der Kontakt mit der leiblichen Mutter möge fortgeführt werden.

Trotzdem verfügt das Familiengericht mithilfe des Jugendamts einen langdauernden „Umgangsausschluss“ für die leibliche Mutter, die mittlerweile in Karlsruhe arbeitet. Das Mädchen müsse zur Ruhe kommen. Anna reagiert, indem sie nichts mehr isst und trinkt und im Sommer 2012 in „lebensbedrohlichem Zustand“ in die Tübinger Kinderklinik eingeliefert wird, zudem übersät mit blauen Flecken. Trotzdem wird sie in die Pflegefamilie zurückgeschickt. Später kommt sie in die Jugendpsychiatrie. Ihr Zustand ist nah an einer Psychose. Die Psychologin Heidrun Overberg sagt, das Mädchen habe sich aus der Pflegefamilie quasi „herausgehungert“. 

Nach fruchtlosen Gesprächen der Jugendpsychiatrie mit der Gastfamilie wird das Pflegeverhältnis Ende 2013 endlich beendet. Für die nunmehr schwer geschädigte Anna beginnt eine Odyssee durch psychiatrische Einrichtungen und Heime. 

Einiges getan, aber wenig bewirkt

Der Auftritt des Tübinger Jugendamtsleiters in dem Verfahren hat etwas Bizarres. Fast eine Stunde lang redet Bernd Hillebrand auf das Gericht ein, präsentiert Daten, Zahlen, Fakten, Hausbesuche, Interventionen – und beweist damit nur eines: Dass das Jugendamt als Verwaltungsbetrieb der menschlichen Misere manches tut, aber offenbar zu selten das Richtige. So hat die Sozialarbeiterin Z. zwar regelmäßig die Mädchen Anna und Valerie zu ihrem Aufenthalt in der Pflegefamilie befragt – aber stets im Beisein der Pflegemutter Ute S. Und als Valerie dem Jugendamt 2017 offenbarte, sie werde sexuell missbraucht, lud man den mutmaßlichen Täter Harry S. zum Gespräch und versuchte, die Angelegenheit intern zu regeln. Warum er sieben Wochen brauchte, um Valeries Vorwürfe bei der Polizei zu melden, kann Amtsleiter Hillebrand nicht erklären. Staatsanwältin Rotraud Hölscher sieht dieses Vorgehen „an der Grenze zur Strafvereitelung“: Bei der Durchsuchung des Hauses von Harry S. waren alle Sexdateien auf den Computern gelöscht.

Die Psychologin Heidrun Overberg regt sich über „die Selbstherrlichkeit und Arroganz im Tübinger Landratsamt“ auf. Der Landrat Joachim Walter ist der oberste Chef des Jugendamts. Bei ihm fand im März 2014 eine Unterredung mit Overberg statt. Anna hatte die Pflegefamilie damals verlassen und der eigenen Mutter nun offener von ihrem Martyrium erzählt. Overberg wollte die verbliebenen zwei Pflegekinder aus dem Einflussbereich der Pflegeeltern Harry und Ute S. entfernt sehen und untermauerte diesen Wunsch mit einer Reihe neuer Informationen. Der Tatsache etwa, dass Annas leiblicher Mutter eine Borderline-Störung angedichtet worden sei, dass die Pflegemutter dem Kind ablehnende Briefe an die Mutter diktiert hatte und deren Geschenke wegwarf. Die Pflegemutter sei eine manipulative Person, die die Kinder auch körperlich quäle. 

Das Ende ist offen

Heidrun Overberg sagt, der Landrat habe nicht auf sie hören wollen. Zumindest Valerie hätten bei rechtzeitiger Intervention des Landrats- und Jugendamts drei Jahre sexuellen Missbrauchs erspart werden können. 

Das baden-württembergische Sozialministerium hat das Tübinger Regierungspräsidium in der vergangenen Woche aufgefordert, die Amtsführung des Kreisjugendamts juristisch zu überprüfen. Dabei geht es um den gesamten Fall, aber auch um den Verwurf der Verdunkelung. Anna und Valerie wird das alles nichts mehr nutzen: Ihr Leben ist massiv beschädigt. Sie sind jetzt 22 und 20 Jahre alt. Das Urteil gegen Harry S. sollte an diesem Freitag verkündet werden. Derzeit ist ungewiss, ob es jemals dazu kommen wird.

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